hoch.haus.stadt

Materialsammlung Texte

Bart Lootsma
Der öffentliche Raum in Bewegung

aus: daidalos Nr.67, 1998

http://www.lot.at/urbanex/gym/index.htm http://www.lot.at/urbanex/gym/index.htm

gymnasion, 95

by Sabine Bitter and Helmut Weber
This work was also shown as a slide projection as part of an exhibition and symposion in Athens, Greece, Feb 95.
The symposion was titled the Athens conference, travel art, organized by Gustav Deutsch and Hannah Schimek, Vienna

»Was öffentlicher Raum heute nicht mehr ist.

Wie öffentlicher Raum heute aussieht.

Was öffentlicher Raum heute sein könnte.«

1. Es scheint so, als werde es in der neuen urbanen Landschaft, wie sie jetzt Gestalt annimmt, weniger öffentlichen Raum im traditionellen Sinne geben, als in den altehrwürdigen europäischen Stadtzentren. Aneinanderreihungen von Einkaufsgalerien (Shopping-Malls), häufig in Kombination mit indoor-Vergnügungsparks, Tiefgaragen, Hotels, Wohnungen und vor allem sehr vielen Restaurants und Stehbistros, haben vollständig die Rolle der Abfolgen von Straßen und Plätzen übernommen ...

[...]


Der neue Stadtraum ist nicht nur soweit wie möglich überdacht, sondern auch vollklimatisiert. Und das ist in vielen Gegenden der Welt, in denen es die meiste Zeit zu kalt oder zu warm ist, ein Segen. Die internen Ladenstraßen sind an sich nicht so spektakulär oder gut gestaltet. Alles dient dazu, die Überfülle an Artikeln in den Schaufenstern so gut wie möglich zur Geltung zu bringen und soviel Quadratmeter Ladenfläche wie möglich zu gewinnen. Allein die Treppenhäuser sind vorsichtig zu Atrien umgestaltet, manchmal sogar zu gediegenen Räumen, in denen spiegelnde oder transparente Rolltreppen die Hauptrolle spielen und im Parterre ein Platz für spezielle Produktpräsentationen vorgesehen ist und für den überdimensionierten Weihnachtsbaum als Symbol des Konsums. Aber das eigentliche Spektakel findet mit Vorliebe in den Atrien und den Lobbies der großen darüberliegenden Hotels statt.

[...]

In welchem Maße diese Räume tatsächlich öffentlich sind, hängt ab von den Verhandlungen zwischen Gemeinde und Entwickler. Was wir öffentlichen Raum zu nennen gewohnt sind, wird ein überwiegend transitorischer Raum sein, geformt und reguliert von den Verkehrsregeln und dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Doch daneben tut sich schon jetzt, parallel zu dem alten, ein riesiger neuer öffentlicher Raum auf. Der Cyberspace braucht aber ebenso die entwerferische Hand, damit man sich in ihm zurechtfinden kann. Hier liegt zweifellos eine Herausforderung für den Architekten.

[...]

2. In jenen amerikanischen und japanischen Städten, von denen es scheint, als würden sie einen Hinweis darauf geben, wie eine neue Stadtlandschaft aussehen könnte, sehen wir Gebäude, die immer stärker in sich gekehrt sind und isoliert wirken. Ich glaube, es war Peter Wilson, der sie als treibende Unterseeboote im Cyberspace bezeichnete.1 Oder besser noch: Ähnlich wie im Falle von Computern oder anderen komplexen Maschinen scheint es auch bei diesen Gebäuden keine wie auch immer geartete Beziehung mehr zwischen innen und außen, zwischen dem Innenraum und dem unmittelbaren Umraum zu geben. Die spektakulären öffentlichen Gebäude, wie etwa jene von Philip Starck und Shin Takamatsu in Japan, stehen dort wie gigantische, enigmatische Haushaltsgeräte, jedes für sich, mit der überwiegend unsichtbaren Stadtinfrastruktur nicht verbunden. Es macht den Eindruck, als seien sie dort nur für kurze Zeit abgestellt worden. »Mit Atrien als ihren privaten Minizentren sind Gebäude nicht länger an spezifische Standorte gebunden. Sie können überall stehen. Und wenn sie überall stehen können, warum sollten sie in der Innenstadt stehen?«2

3. Auch Wohnhäuser ziehen sich immer mehr in sich selbst zurück. Ein Grund dafür ist die zunehmende Dichte, in der wegen mangelnden Baulandes heute gebaut werden muß. Diese Kausalität läßt sich auch an den neuen Wohnbauprojekten in Wien und den Niederlanden ablesen. Doch ein weiterer Grund ist, daß die Wohnung immer stärker zu einem Basislager wird, wo wir übernachten. Sind wir endlich zuhause, ist es draußen schon dunkel. Dann gucken wir nicht mehr aus dem Fenster, sondern in den Fernseher. Wollen wir etwa eine malerische Landschaft sehen, schalten wir einfach den Landschaftskanal ein. (Das komische am Landschaftskanal ist nebenbei, daß fast immer, wenn man einschaltet, nur ein Testbild zu sehen ist, mit einem abstrakten Muster leuchtender Farben, das aussieht wie die Simulation eines Mondrianbildes oder einer holländischen Landschaft im Frühling mit all den Blumenfeldern.)

4. Öffentlicher Raum ist eigentlich der freigelassene Raum zwischen Gebäuden. Er ist doppeldeutig, weil dort Luft und Licht zwischen den Dingen fließen.3 In Japan und Amerika sieht man, wie diese selten gewordenen öffentlichen, oder sollte man sagen Rest-Räume, zu umzäunten Sportfeldern umfunktioniert werden. In den Vereinigten Staaten spielt man darauf überwiegend Basketball, in Japan dominieren die grünen Netze der Trainingszentren für Golf und Baseball sogar schon die Skyline der Städte. Sport scheint neuerdings der wichtigste Grund für die Menschen zu sein, sich in der Öffentlichkeit zu treffen.

5. Ein öffentlicher Raum wird nicht mehr notwendigerweise der schöne Platz zwischen öffentlichen Gebäuden im Stadtzentrum sein. Ebenso könnte es ein Parkplatz unter einer Autobahn oder an einer Eisenbahnlinie in der Nähe eines wichtigen Bahnhofs sein. Ein solcher Platz, nach einem Entwurf von Adriaan Geuze und West 8, wird in der Nähe des Bahnhofs Sloterdijk, innerhalb des Teleport-Geländes in der Nähe von Amsterdam, in diesem Jahr fertiggestellt. Es ist eine Landschaft für kreatives Parken, aufgelockert durch Grünzonen, die mit Baumstümpfen bestückt sind, die ihrerseits Bezug nehmen auf den Wald von Betonsäulen. Ein Teil der Baumstümpfe ist aus Gußeisen und wird nachts angeleuchtet, was nicht nur einen surrealen Effekt ergibt, sondern ebenso die seltsame Künstlichkeit der Situation verstärkt.

6. Wohin wir in einer Stadt gehen wollen, hängt nur von der spezifischen Qualität und der Menge von »Stims« ab, die uns ein bestimmter Platz bietet (der Begriff wurde von Lars Lerup eingeführt). Das Wort kommt von Stimulation, so wie William Gibson es in seinem Roman Mona Lisa Overdrive benutzt. Dort sind »Stims« eine Art Mischung aus bekannten Seifenopern und virtueller Realität.

[...]

Wohin wir gehen, hat nichts mit der Tatsache zu tun, ob der Raum nun öffentlich, halböffentlich oder privat ist. Eher im Gegenteil: Halböffentliche Räume wie Bars, Restaurants, Discotheken oder Einkaufspassagen gewinnen in der Stadt zunehmend an Bedeutung. In größeren Städten wachsen komplexe halböffentliche Netze, die man so benutzt, als würde man zwischen einzelnen Fernsehkanälen hin-und-her-zappen. Wir bedienen uns dieser Netze ganz intuitiv, sind aber auch schnell gelangweilt. Wir jagen ununterbrochen den neuen, womöglich noch stärkeren Reizen hinterher. »It is cool or it sucks«, um es mit der MTV-Terminologie von Beavis und Butthead zu sagen.

7. In einer Äußerung zum öffentlichen Raum in Barcelona merkte Manuel de Solà Morales an, daß es wichtig sei, diese Bars in der einen oder anderen Weise mit dem in Verbindung zu bringen, was wir traditionell für den öffentlichen Raum halten. Dies scheint in der Tat die einzige Möglichkeit zu sein, öffentlichen Raum interessant zu machen und ihn am Leben zu erhalten.4

Der ‘Schouwburgplein’ in Rotterdam von Adriaan Geuze und West 8 ist nichts anderes als ein großer leerer Platz über einer unterirdischen Parkgarage. Auf ihm stehen das Stadttheater, eine Konzerthalle und ein Multiplex-Kino von Koen van Velsen. Geuze verwandelte den Platz in eine gigantische Bühne. Vier bewegliche, hydraulische Lichtmasten, je 35 Meter hoch, wechseln jede Stunde automatisch ihre Einstellung und Gestalt. Doch bietet sich nach Einwurf einer Münze auch den Teilnehmern des öffentlichen Lebens die Möglichkeit, die Position der Lichter zu ändern, so daß die Leuchten den öffentlichen Platz für kurze Zeit in ein privates Terrain verwandeln. Ob sie sich im nahen Theater oder im Kino haben inspirieren lassen, in diesem Moment wird der Platz zu der Bühne, auf der sie spielen, und er könnte ein Ort wunderbarer, bis tief in die Nacht dauernder Aufführungen sein. »Der neue öffentliche Raum wird seine Nutzer so weit manipulieren, daß sie sich plötzlich ihres Verhaltens bewußt werden, daß sie sich nicht länger in ein vorprogrammiertes Verhalten zurückfallen lassen können«, schreibt Adriaan Geuze. »Dieser Raum verwandelt Anonymität in Exhibitionismus, Zuschauer in Schauspieler. Hier handelt es sich nicht eigentlich um eine Sache des Entwurfs, der Schönheit, der Dimensionen, Materialien und Farben, sondern um eine Sache der Sensation, einer abstrakten Kultur, hervorgebracht vom Stadtzusammenhang.«5

8. Dasselbe trifft für das Verhältnis von öffentlichem Raum und Medien zu. Damit öffentlicher Raum interessant bleibt, braucht er die Verbindung zu den Medien. Das erinnert mich an den Platz vor dem Bahnhof Shinjuku in Tokio, der vom größten Bildschirm der Welt beherrscht wird. Auch wenn den Japanern unsere Tradition des öffentlichen Raumes fremd erscheint und der Platz auch nicht eigens entworfen wurde, ist er doch zum beliebtesten Treffpunkt in Tokio geworden. Fernsehen hilft einem, die Zeit totzuschlagen.

9. Eine Sache bleibt noch zu sagen. Wenn kein Platz für die Aktivitäten oder die »Stims« vorhanden ist, suchen wir uns einen und benutzen dann auch Orte, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren, Überbleibsel, und wir lassen uns auf diesen nieder oder enteignen sie. Für Stadtverwalter, die Polizei, für Architekten und Stadtplaner sollte das heißen – wollen sie überleben – daß sie außerordentlich wachsam

und flexibel auf die Lebensentwürfe und spezifischen Wünsche kleinerer Gruppen, nicht aber auf jedermann, eingehen müssen. Besser als die von oben diktierten Entwürfe, die versuchten, die Menschen zu erziehen und sie gegen ihren Willen mit dem zu konfrontieren, was eine andere kleine Gruppe für die ‘Hochkultur’ hält, sollte man Orte entwerfen, wo die Öffentlichkeit sich mit den Subkulturen eigener Wahl auseinandersetzen kann, wo es ihr gelingen kann, sich selbst zum Ausdruck zu bringen.


Anmerkungen

1 Ton Verstegen: Het tastende gebouw, de metaforische animaties van Oeter Wilson. The groping building. The Metaphorical Animations of Peter Wilson, in: Archis 5 (1993)

2 Rem Koolhaas, ‘Atlanta’

3 Toyo Ito. in: ‘Towards a Post-ephemeral Architecture. Interview with Toyo Ito by Sophie Roulet and Sophie Soulié, Toyo Ito, Paris.

4 Manuel de Solà Morales: ‘Openbare en collectieve ruimte, De verstedelijking van het privé-domein als nieuwe uitdaging’, in: OASE 33, Sommer 1992

5 Adriaan Geuze: ‘Accelerating Darwin’, in: Gerrit Smienk (Hrsg.), NL Nederlandse Landschapsarchitectuur, tussen traditie en experiment, Amsterdam 1993

Richard Sennett
Der öffentliche Raum stirbt ab

aus: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. New York, 1974

»Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.«

Der Intimitätskult wird in dem Maße gefördert, wie die öffentliche Sphäre aufgegeben wird und leer zurückbleibt. In einer ganz unmittelbaren, physischen Weise weckt die Umwelt in den Menschen den Gedanken, daß die öffentliche Sphäre bedeutungslos sei.

[...]

Seine entscheidende Lektion erteilt das Brunswick Centre mit seiner zentralen Promenade. Da gibt es ein paar Läden und weite Flächen mit leerem Raum. Diesen Raum durchquert man, man benutzt ihn nicht; sich für längere Zeit auf einer der wenigen Betonbänke auf der Promenade niederzulassen ist ebenso unerfreulich, wie sich in einer riesigen leeren Halle zur Schau zu stellen.

[...]

Die Zerstörung von lebendigem öffentlichen Raum enthält eine noch seltsamere Idee: den Raum zum Funktionselement von Bewegung zu machen. In La Défense ebenso wie im Lever House und im Brunswick Centre ist der öffentliche Raum etwas, das man durchquert, worin man sich nicht aufhält.

[...]

Die Flächen bilden, in den Worten eines Planers, ein ‘Zwischenglied zwischen Straßen- und Vertikalverkehr’. Mit anderen Worten, der öffentliche Raum wird zu einer Funktion der Fortbewegung.

Die Vorstellung vom Raum als einer Funktion der Bewegung entspricht genau der Beziehung zwischen Raum und Bewegung, die das Auto ausdrückt. Man gebraucht den Wagen nicht, um die Stadt kennenzulernen, für Ausflüge ist er nicht geschaffen, oder vielmehr er wird dazu nicht benutzt, außer von Jugendlichen auf ihren Vergnügungstouren. Statt dessen verschafft das Auto Bewegungsfreiheit; man kann ohne Rücksicht auf feste Haltepunkte, wie es sie bei der U-Bahn gibt, und ohne die Fortbewegungsart zu ändern, also ohne vom Bus in die U-Bahn umzusteigen und dann zu Fuß weiterzugehen, eine Reise von A nach B machen. Damit gewinnt die Stadtstraße eine merkwürdige Funktion, nämlich die, Fortbewegung zuzulassen; wenn sie die Fortbewegung durch Ampeln, Einbahnstraßen und dergleichen allzu sehr hemmt, werden die Autofahrer nervös oder zornig.

Wir erleben heute eine Erleichterung der Fortbewegung, die allen früheren Stadtkulturen unbekannt war, und dennoch ist sie zu einer extrem ängstigenden Alltagsverrichtung geworden. Die Angst rührt daher, daß wir die ungehemmte Bewegungsfähigkeit des Individuums als absolutes Recht unterstellen. Das Privatauto ist das natürliche Instrument zur Ausübung dieses Rechts; für den öffentlichen Raum und vor allem für die Straßen der Städte wirkt sich das so aus, daß der Raum bedeutungslos oder gar störend wird, sofern er der freien Bewegung nicht untergeordnet ist. Die moderne Fortbewegungstechnik ersetzt den Aufenthalt auf der Straße durch den Wunsch, die Hemmnisse der Geographie zu tilgen. Auf diese Weise verbindet sich das Planungskonzept etwa von La Défense oder des Lever House mit der Verkehrstechnik. In beiden Fällen verliert der zu einer Funktion der Fortbewegung gewordene öffentliche Raum seine unabhängige Erfahrungsqualität.

Interview mit Richard Sennett
Brauchen wir wieder Utopien, Herr Sennett?

[Tagesspiegel 6. Mai 1998]

Richard Sennet: 1943 in Chicago geboren, ist einer der bekanntesten Gesellschaftstheoretiker der Gegenwart. Er lehrt Geschichte und Soziologie an der New York University. Bekannt wurde er vor allem mit kulturgeschichtlichen Studien über den Wandel der Öffentlichkeit und das Leben in der modernen Großstadt.

In seinem neuesten Buch "Der flexible Mensch" (Berlin Verlag 1998. 224 Seiten. 36 DM.) beschreibt er die psychischen Auswirkungen des neuen, ganz auf Flexibilität und kurzfristige Ziele ausgerichteten Kapitalismus. Ein darauf beruhendes Gesellschaftssystem, das den Menschen keinen tieferen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, sieht er zum Untergang verurteilt. Über die Tücken der Individualisierung, neue Formen der Solidarität, die Rolle des Intellektuellen und das neue Berlin sprachen Christian Böhme und Thomas Rathnow mit Richard Sennett.


TAGESSPIEGEL : Verstehen Sie sich als ein klassischer Intellektueller, der sich auch politisch engagiert?

SENNETT : Natürlich denke ich politisch und würde gerne sehen, daß sich die Dinge verändern. Aber in die Parteipolitik mische ich mich nicht ein. Für die amerikanischen Verhältnisse stehe ich zu weit links. Da ich kein Mann der Mitte bin, würde ich in keine der beiden großen Parteien - Demokraten oder Republikaner - passen. Eine Sozialdemokratie à la Schröder käme mir entgegen. In meiner Familiengeschichte gibt es außerdem etwas, das wie eine Hürde auf dem Weg in die politische Praxis wirkt: Meine Eltern waren beide Mitglieder der kommunistischen Partei. Das ist eine Sünde, die in Amerika von einer Generation an die nächste weitergereicht wird. Wenn in den USA über mich geschrieben wird, dann heißt es immer als erstes "Sohn prominenter Kommunisten".

TAGESSPIEGEL : Sie haben einmal "Das Ende der Soziologie" verkündet. Glauben Sie dennoch, daß die Sozialwissenschaften wieder ein Ort für utopisches Denken werden könnten?

SENNETT : Oh ja. Das Wichtigste, was wir als Intellektuelle tun können, ist eine Art utopisches Denken zu entwickeln. Die Gesellschaftskritiker müssen danach fragen, was hätte sein sollen. Darin liegt das Politische des Intellektuellen, der ja nicht sagen kann, mit dieser oder jener Maßnahme erreicht man folgendes Ziel. Die praktischen Einwände gegen die Veränderbarkeit der Welt interessieren den Intellektuellen nur am Rande. In den achtziger Jahren ist aber viel von dem Glauben an die Utopie verloren gegangen, so daß sie heute für viele nur aus leeren Phrasen zu bestehen scheint.

TAGESSPIEGEL : In Ihren Büchern warnen Sie oft vor dem Bedeutungsverlust und der Entleerung des öffentlichen Lebens. Die Großstadt steht bei Ihnen immer für den Ort, wo das öffentliche Leben potentiell reichhaltig ist. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Veränderungen Berlins?

SENNETT : Als Fremder scheint mir der Neubau der Stadtmitte ein Desaster zu sein - jedenfalls wenn es darum geht, ein lebendiges öffentliches Leben zu haben. Der Potsdamer Platz wird nachts ein toter Raum sein. Das grundlegende Problem liegt darin, daß sich Berlin auf einen Schlag neu erfinden wollte. Statt einen Raum zu bewohnen und die Stadt allmählich aus den Lebensformen der Menschen zu entwickeln, hat man einen Plan aufgestellt: dieses kommt dahin, jenes hierhin. Diese Art programmatischen Denkens schließt das eigentliche Leben aus. Städte funktionieren dort, wo ganz unterschiedliche Lebensformen aufeinanderstoßen und sich überschneiden. Der Pariser Platz zum Beispiel wird jedoch stets ein Ort für Touristen bleiben. Wäre ich boshaft, würde ich sagen, daß der eigentliche Triumph der DDR in den Planungen nach dem Fall der Mauer liegt. Denn nun hat man einen Plan, der tatsächlich der Stadt seinen Stempel aufdrückt.

TAGESSPIEGEL : Wie wichtig sind Symbole für das städtische Leben, etwa das geplante Holocaust-Mahnmal für Berlin?

SENNETT : Oft ist es so, daß die Errichtung eines Denkmals einer Sache seine symbolische Macht raubt. Die wirkungsvollsten Zeichen sind häufig Spuren, die das reale Leben im Stadtbild hinterlassen hat. Es ist eine sehr heikle Angelegenheit, solche Spuren zu bewahren oder neue Symbole zu schaffen. Denn häufig entstehen dadurch vollkommen lesbare Orte. Für Menschen wird ein Ort aber erst dann "bewohnbar", wenn er auch etwas Unlesbares hat. Das Unlesbare, Nichtauflösbare provoziert die Interaktion. Nur solche Dinge, die der Interpretation bedürfen, führen zu sozialer Teilhabe. Im Schwierigen, im Obskuren, im Unlesbaren haben meines Erachtens soziale Beziehungen ihren Ursprung.

TAGESSPIEGEL : Wer Ihr neues Buch zur Hand nimmt, kann den Eindruck bekommen, daß Sie sich nach Ihren Studien zur Großstadtkultur nun den Klassenstrukturen zugewandt haben.

SENNETT : Ich habe immer viel über die Klassengesellschaft geschrieben. "Der flexible Mensch" ist jedoch das erste Buch zum Thema, das ins Deutsche übersetzt wurde. Ich versuche allerdings nicht, ökonomische Theorie zu treiben. Ich möchte verstehen, wie die Menschen die materielle Welt als Subjekte erfahren. Der Fehler des alten Marxismus lag doch darin, daß bei ihm keine Menschen vorkamen, sondern lediglich Kategorien. Die Marxisten sind nie losgegangen, um die Verwirrungen gelebter Erfahrungen zu betrachten. Genau darauf kommt es mir aber an. Ich bin kein Marxist im klassischen Sinne, ich glaube nicht an die Dialektik von Basis und Überbau.

TAGESSPIEGEL : Sie beklagen, daß in der marxistischen Gesellschaftsanalyse die Menschen keine Rolle spielen. Bei Ihnen wiederum scheinen die Menschen nur als Opfer des Kapitalismus vorzukommen.

SENNETT : Ich hoffe nicht, daß mein neues Buch den Eindruck erweckt, daß die von mir beschriebenen Menschen nur Opfer sind. Auch diejenigen, die gescheitert sind, machen Erfahrungen, die sie interpretieren müssen. Wenn die Interpretation gut ist, müssen sie zugeben, daß sie verletzt worden sind. Es wäre aber falsch zu glauben, daß es sich um passive Opfer in den Händen eines kapitalistischen Ungeheuers handelt.

TAGESSPIEGEL : Wie können sich diese Menschen zusammenschließen und neue Formen der Solidarität entwickeln?

SENNETT : Viele Menschen fühlen sich zwar isoliert, kämpfen aber auch dagegen an. Das ist das Paradoxe am Neoliberalismus: Er legitimiert sich über den Individualismus, aber er sorgt für Verhältnisse, die zu seiner Abschaffung führen werden. Der Neoliberalismus mit seinem Glauben, daß jeder für sich allein verantwortlich ist, bedeutet für die meisten Menschen eine Katastrophe.

TAGESSPIEGEL : Kann man denn den Trend zur Individualisierung aufhalten?

SENNETT : Um politisch etwas verändern zu können, müssen wir diese Ideologie der Selbständigkeit untergraben. Das heutige Regime kann nicht durch so etwas wie die Vereinigung ausgebeuteter Arbeiter gestürzt werden.

TAGESSPIEGEL : Wodurch dann?

SENNETT : Wir müssen eine neue ethische Grundlage schaffen. Die Menschen müssen anerkennen, daß sie einander brauchen. Das Bild vom autonomen Individuum muß delegitimiert werden.

TAGESSPIEGEL : Aber für viele Menschen ist der Neoliberalismus keinesfalls ein Schreckgespenst. Im Gegenteil. Sie leben recht gut damit.

SENNETT : Wenn die gegenwärtige Phase des Wohlstands endet, wird es zumindest in den USA eine Zeit echter Unruhen geben. Wir haben keine sozialdemokratische Tradition, auf die man zurückgreifen könnte. Die Linke der 30er Jahre mit all ihren Institutionen ist verschwunden. Heutzutage gibt es kaum noch Unterstützung für Menschen, die in Schwierigkeiten geraten. Die junge Generation ist auf die nächste Rezession vollkommen unvorbereitet. In Wirtschaftsmagazinen kann man Schlagzeilen lesen wie "Wird der Boom je enden?". Für wie dumm werden die Menschen eigentlich gehalten, daß man glaubt, ihnen einreden zu können, die guten Zeiten würden ewig andauern?

TAGESSPIEGEL : Nicht nur Einzelne, auch viele Kommunen und Städte fühlen sich häufig ohnmächtig der Wirtschaft ausgeliefert. Welchen Ausweg gibt es für sie?

SENNETT : In den USA gibt es zum Beispiel die "New Agora Movement", eine Art sozialer Bewegung. Hier wird der Versuch gemacht, die Erpressungsversuche nach dem Motto "Wenn ihr nicht wollt, investieren wir halt in Mexiko" zu durchbrechen, mit der Unternehmen gegenüber Städten und Gemeinden auftreten. In Wirklichkeit ist der globale Kapitalismus doch viel ortsgebundener als immer behauptet wird. Vor allem im Bereich des Konsums. Man kann die Produkte, die man in Tschechien oder Mexiko herstellt, dort nicht verkaufen. Diese Tatsache läßt sich politisch nutzen. Man kann sagen: wir haben hochqualifizierte Arbeiter, die ihr braucht oder hier werden eure Produkte konsumiert, ihr müßt daher der Gemeinde auch etwas zurückgeben und eure Angestellten entsprechend behandeln. Einige Firmen reagieren darauf sehr ablehnend, andere lassen mit sich reden. Es gibt zumindest vielversprechende Entwicklungen. Wichtig scheint mir, daß es gelingt, die vermeintliche Ortlosigkeit der globalen Wirtschaft in Frage zu stellen.

Richard Sennett
Der flexible Mensch

Flexibilität als Paradox des Kapitalismus. Flexibilität gilt als Rezeptur der neuen Unternehmen, zugleich als Charakterqualität des karrierebewußt Handelnden. Täglich werden die Mythen erfolgreicher Unternehmer der frühen Stunde erzählt. Silicon Valley, Microsoft oder Intel gelten als die Ikonen des schnellen Erfolgs. Aus Ludwig Erhards Wirtschaftswunderphilosophie"Wohlstand für alle" wird ab jetzt "Reichtum für jedermann". Traditionsunternehmen, die in Generationen denken, sind out. Loslassen können von gestern neuen, heute antiquierten Produkten, radikale Führungsqualitäten, globales Netzwerkdenken, virtuelle Unternehmensphilosophien werden zum Gebot des rasenden Zeitgenossen. Lebenslanges Lernen, der permanente Erwerb von Erfahrungen wird in den inzwischen klassisch gewordenen Unternehmenskonzeptionen beschworen. Es entsteht eine Unternehmenskultur der Oberflächlichkeit, die vom Gewohnheitstier Mensch, der auf die Kontinuität sozialer Beziehungen angewiesen ist, nicht verkraftet wird.. Sennett zeigt aber, daß Enthierarchisierung alles andere als Orientierungssicherheiten schafft. "The way out" wäre -- für die Ideologen des schnellen Wirtschaftens unerträglich -- das Beharrungsvermögen, die Nichtbereitschaft sich auf eine wildgewordene Wirtschaft einzulassen. Fraglich bleibt aber, ob die neuen Strukuren auf der Ebene des Individuums überhaupt lösbar sind, oder es nicht unabdingbar wird, Wege aus dem ruinösen Kasinokapitalismus zu finden. Weder der Neoliberalismus noch eine authoritäre Wirtschaftsdiktatur erscheinen geeignet, eine global vernetzte Wirtschaft wieder auf Menschenmaß einzurichten.

Klaus Ronneberger
Schutzräume gegen Ungeschützte

(aus: SPEX 6/1997 S. 47 ff.)

Mit Differenz-Urbanismus auf globalem Komfort Niveau absichern - so machen es die neuen Metropolen.

Eine Strukturbetrachtung von Klaus Ronneberger

Die ökonomische und soziale Realität in den Metropolen verändert sich gegenwärtig grundlegend. Die Ansprüche des finanzindustriellen Komplexes und einer internationalen business class bestimmen zentrale Bereiche der Städte. Andererseits stellen die Metropolen nicht mehr die Zentren des Arbeitsplatzwachstums dar. Damit verschärft sich die Rivalität zwischen den Metropolen, die miteinander um Wachstumspoltentiale und Prosperität konkurrieren. Der Kampf um Kapital- und Kundenströme veranlaßt das städtische Management zu aufwendigen Eingriffen in die bestehende Raumstruktur. Dazu gehören die bauliche Aufwertung von Stadtvierteln, die Umwandlung altindustrieller Gewerbeflächen und Festivalisierungsprojekte wie Messen oder Weltausstellungen.

Mythen des Städtischen

Mit der verschärften Städtekonkurrenz nimmt auch die Bedeutung von Imagestrategien zu. Bilder, Erzählungen und Visionen konstituieren das Urbane als imaginäres Objekt und halten so den fragmentierten Raum zusammen. Diese 'Mythen des Städischen' entwerfen ein Bild von der Stadt als kohärente Einheit, das die unterschiedlichen Praxisformen der Individuen und Kollektive synthetisiert und zugleich formiert. Der Mythos der "Dienstleistungsmetropole" erfüllte im letzten Jahrzehnt eine solche Funktion. Im Bild der "postindustriellen Stadt" vereinheitlicht er den Umbruch der Produktions- und Konsumptionsweisen. Die "Weißkragen-ökonomie" verspricht Prosperität und die Zunahme gut ausgebildeter und einkommensstarker Arbeitskräfte. Zugleich entwickelt sich mit dem Niedergang der Industrie und der Expansion des finanzindustriellen Komplexes in den Metropolen der "quartäre" Sektor -- die Verbindung von Dienstleistung, neuen Technologien und Kulturproduktion. Das Wachstum der "symbolischen Ökonomie" im Finanz-, Medien- und Unterhaltungsbereich veranlaßt das städtische Management, verstärkt auf den Ausbau der kulturellen Konsumption und der dazugehörigen Industrie zu setzen.

Die Imagestrategie der postfordistischen Urbanisierung operiert vor allem mit zwei scheinbar widersprüchlichen Elementen: der Betonung von Unterschiedlichkeit (gegenüber anderen Städten) und der Garantie räumlicher Homogenität. Einerseits sollen die hochentwickelten Archipele der Stadt, Bürotürme, Kaufhäuser, Erholungszentren, Waterfronts - ihre Unverwechselbarkeit und eine attraktive urbane Lebensweise belegen. Andererseits werden diese Orte an internationale Standards von Luxus und Entspannung angeglichen und damit tendenziell austauschbar. Die "Dienstleistungsmetropole" offeriert den städtischen Raum als exklusives Angebot: einzelne Produkte bzw. Konsumtionsstätten bürgen hier für die Qualität des Ganzen. Räume, die zwischen diesen Archipelen liegen -- etwa altindustrielle Gewerbegebiete oder Wohnquartiere der subalternen Klassen --, werde dagegen vernachlässigt oder sich selbst überlassen. Für die mobilen Kapital- und Informationsströme erweist sich der homogene Raum der fordistischen Stadt, der über die funktionale Trennung von Arbeiten, Wohnen und Verkehr zusammengehaltenwurde, als Hindernis. Das neue Netz der privilegierten Knotenpunkte legt sich über die tradierten Raumstrukturen und reißt das großräumige Funktionsraster auseinander. Während der Fordismus eine "Gleichheit im Raum" anstrebte, beutet der Postfordismus die Unterschiedlichkeit von Orten und Territorien als Ressource des kapitalistischen Verwertungsprozesses aus.

Kontrollierte Lebensräume

Vor allem seit den 80er Jahren reproduziert sich der Kapitalismus verstärkt durch die "Produktion des Raumes". Banken, Versicherungsfonds und transnationale Konzerne legen einen Teil ihres überschüssigen Kapitals in global gestreuten Immobilienbesitz an und nutzen die Grundstücksmärkte als reine Finanzanlage. Die Kernstädte werden zu Konsum- und Erlebnisräumen geformt. In den Metropolen etabliert sich mit den Malls und Themenparks ein neuer Raumtypus.

Solche Archipele eines kontrollierten städtischen Erlebens versuchen die Atmosphäre und das Image eines traditionellen Stadtplatzes zu erzeugen, der gemeinhin mit Kommunikation, Öffentlichkeit und Spektakel gleichgesetzt wird. Diese Einrichtungen sind mit aufwendigen Sicherheitssystemen versehen: durch Raumplanung, Architektur und Technoprävention werden unerwünschte Personen und unerwünschte Ereignisse ferngehalten. Räumliche Kontrolle und privates Management lassen die Malls als Idealtypen eines neuen öffentlichen Raumes erscheinen, der der Mittelklasse-Norm entspricht. Dieses Urbanisierungsmodell fungiert gegenwärtig als Vorbild für die gesamte Stadtentwicklung. So nimmt die Bereitschaft der städtischen Behörden zu, Bereiche des öffentlichen Raums in einer Weise zu organisieren, wie sie für Themenparks und Malls typisch ist. Da die neue städtische Armut der Vorstellung einer relaxten Konsumathmosphäre entgegensteht, sollen deshalb die verschiedenen Submilieus aus diesen Räumen vertrieben werden. Die Betreiber der Kaufhäuser und Ladenketten in der City sind bestrebt, die Innenstadt dem suburbanen Mall- Modell anzupassen, dessen Erfolg auch auf der Garantie des gesicherten Konsums basiert. Eine profitable Immobilienverwertung und die Steigerung des Warenumsatzes werden nun in direkte Beziehung zu Sicherheit und Ordnung gesetzt. Bezeichnender Weise haben sich in allen deutschen Großstädten Allianzen aus Geschäftsleuten und städtischen Behörden gebildet, um Verbotszonen für bestimmte Gruppen und normative Vorstellungen zur sozialen Reglementierung städtischer Räume durchzusetzen.

Zentrale Bereiche der Städte geraten so unter privatwirtschaftliche Kontrolle und damit auch unter die Aufsicht privater Sicherheitsdienste. Da sich die Präventionsstrategie der Geschäftsleute vor allem an der Optimierung von Betriebssicherheit und Umsatzzahlen orientiert, operieren die privaten Sicherheitskonzepte mit einer Vorstellung von abweichendem Verhalten, bei dem bereits "devianzbegünstigende" Gelegenheitsstrukturen und Handlungsweisen ins Blickfeld geraten. Die Sicherheitsdienste funktionieren gewissermaßen wie ein auf die Straße verlagerter Werkschutz: nur daß hier nicht mehr die Fabriken, sondern die Räume der Dienstleistungsökonomie geschützt werden.

Gefährliche Räume - unerwünschte Gruppen

Maßnahmen wie die gewaltsame Auflösung von offenen Drogenszenen, die "Aussetzung" von Obdachlosen an den Stadtrand oder die Schikanierung von jugendlichen MigrantInnen stehen dafür, daß die innerstädischen Räume den marginalisierten Gruppen streitig gemacht werden. Im Wechselspiel zwischen medialer Aufbereitung und ordnungspolitischer Intervention erklärt man bestimmte Submilieus zum Feind der städtischen Gesellschaft. "Sicherheit" scheint sich zum zentralen Dispositiv eines neuen Konsenses zu entwickeln. Aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft formieren sich Obdachlose, Alks, Dealer, Drogenkonsumenten oder junge Migranten zu "unerwünschten" bzw. "gefährlichen Gruppen". Bevorzugtes Thema dieses Diskurses sind die Ausländer - nicht als Angehörige fremder Kulturen, sondern als Kriminelle und Drogendealer oder, umgekehrt, Kriminelle als Ausländer.

Solche Wahrnehmungsweisen und Ausgrenzungsmechanismen vollziehen sich im Kontext der wachsenden Polarierung in den Großstädten. Mit dem sich abzeichnenden Ende des wohlfahrtsstaatlichen Kompromisses verstärken sich zugleich Bestrebungen, die Krise mit ordungspolitischen Mitteln und Normalisierungskonzepten zu bearbeiten. Einerseits fallen zunehmend mehr Menschen aus dem Produktionsprozeß heraus, gelten nun Phänomene wie Armut und Dauerarbeitslosigkeit als "natürliche" Bestandteile der Gesellschaft. Andererseits wächst die Bereitschaft, bestimmte Gruppen und soziale Praktiken zu disziplinieren, zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Zwischen Repression und Konsens

Angesichts der aktuellen Entwicklung muß die Verfallsthese von Urbanisten wie Richard Sennet über die "Verödung und Trivialisierung der Stadt" zurückgewiesen werden. Deren retrospektives Ideal ist das der bürgerlichen Öffentlichkeit, die bekanntlich noch nie einen Ort der herrschaftsfreien Kommunikation, sondern immer schon ein Ort des Ausschlusses war. Ebenso ist es wenig sinnvoll - in kritischer Wendung gegen postmoderne Inszenierungsstrategien - "authentische" Formen urbaner Erfahrung einzuklagen. Künstlichkeit und Simulation sind untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Die Suche nach der Authetizität des Städtischen blendet ebenso wie das retrospektive Ideal der aufgeklärten Öffentlichkeit die bestehenden Machtbeziehungen und Gewaltverhältnisse aus, die den Alltag strukturieren und sich in den städtischen Raum einschreiben.

In der Vergangenheit wurden von der radikalen Linken die repressiven Normalisierungsstrategien des Fordismus als Ausdruck einer wachsenden sozialen Rationalisierung verstanden. Mit der Krise des fordistischen Vergesellschaftungsmodells mehren sich nun - neben einer weiter fortbestehenden Integrations- und Disziplinarpolitik - Sanktionsformen und Kontrollmechanismen, die vor allem mit Ausgrenzung und Internierung arbeiten. Das strategische Moment der medialen und sicherheitspolitischen Bedrohungsszenarien besteht darin, Zugehörigkeit und Nicht- Zugehörigkeit von Gruppen zu definieren, Einschränkungen des bürgerlichen Gleichheitspostulats zu legitimieren, Grenzen des Anspruchs auf Anerkennung von sozialen Rechten zu bestimmen und den Zugang zu materiellen Resourcen auch vom moralischen Status des Betroffenen abhängig zu machen. Die Sicherheits- und Moralpaniken fungieren als Teil einer Integrationsstrategie, die die Herstellung und Ausschließung bestimmter Randgruppen vorraussetzt, da ohne diese Grenzziehungen keine Normalitätsstandards gebildet und durchgesetzt werden könnten.

Diese Form der Repressions- und Konsensstrategie bestimmt vor allem den Alltag in den Metropolen. Hier verdichten sich gegenwärtig sozialräumliche und politische Formierungsprozesse, die für die Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft von Bedeutung sind. Allerdings sollte die Linke den Blick nicht allein auf die Herrschafts- und Unterwerfungspraktiken richten. Sie läuft Gefahr, damit die ordnungspolitischen Imperative zu bestätigen, die gerade in Zweifel zu ziehen wären. Die Stadt birgt einen subversiven Überschuß in sich, der über die beschränkte Logik der kapitalistischen Verwertung und der sozialtechnokratischen Planung hinausweist. Der städtische Raum ist stets ein umkämpftes Feld. "Im Städtischen", so Henri Lefèbre, "gibt es Alltagsleben, und dennoch wird die Alltäglichkeit aufgehoben."


Katja Diefenbach
Schnelldurchlauf: Fünf Stationen in der Geschichte von Raumkontrolle, Öffentlichkeit und Straßenkampf.

(aus Spex 6/1997 S. 47 ff.)

 

http://www.mediaeater.com

Um die Pest in den Städten einzudämmen, wird am Ende des 17. Jahrhunderts ein neues sozialmedizinisches Reglement entwickelt.
Sobald an irgendeinem Ort Zeichen der Krankheit auftauchen, tritt ein strenges System der Überwachung und Registratur in Kraft: der Raum wird in Viertel unterteilt; jedes Viertel wird der Aufsicht eines Intendanten unterstellt, jede Straße unter die eines Verwalters. Wer das strikte Ausgangsverbot mißachtet wird mit dem Tode bestraft. Gleichzeitig finden intensive Kontrollen und bürokratische Manöver statt: minutiös wird der Verlauf der Erkrankungen aufgezeichnet; auf zentrale Anordnung erfolgt der Abtransport der Leichen und die Säuberung der Straßen und Wohnungen; an jeder Ecke ist Miliz stationiert, um "Diebereien und Plünderungen" zu verhindern.

Die Pest ist der historische Ausnahmezustand, in dem quasi idealtypisch moderne Disziplinierungstechniken einstudiert werden, die große Probe aufs Exempel. Die Lepra wurde mit dem Ausschluß der Aussätzigen beantwortet, die Pest hingegen mit einer neuen Technik der Disziplin. Das eine Modell arbeitet mit dem harten Dualismus von normal/ anormal, Einschluß/ Ausschluß, das andere mit einem komplexen Raster von Erfassungstechniken. Beide Modelle nähern sich erstmals im 19. Jahrhundert einander an. Mit den bürokratischen Techniken der Verwaltung werden Landstreicher, Bettler, Irre, Gewalttätige, Arme und Kriminelle identifiziert - eine neue Klasse sozialer Delinquentinnen, die der Kapitalismus produziert. Der institutionelle Rassismus, der in den heutigen Städten mit einem differenzierten Reservoir von Kontrollen und Stigmatisierungen auftritt, um den Ausschluß und die Abschiebung von Flüchtlingen zu organisieren, setzt sich aus ihnen zusammen.

Der Urbanismus ist ein ideologisches Phantasma, das davon handelt, Städte räumlich zu programmieren. Er versucht, eine bestimmte Geographie des Möglichen und des Unmöglichen, des Gehbaren und Nicht- Gehbaren zu schaffen. Das sozialmedizinische Reglement zur Bekämpfung der Pest zeigt, daß jeder moderne Verwaltungsakt von Anfang an eine räumliche Komponente aufweist. Georges Eugene Haussmann, Mitte des 19. Jahrhunderts Stadtpräfekt unter Napoleon III., hat Paris innerhalb von zwanzig Jahren in einem exemplarischen urbanistischen Gewaltakt neu strukturiert. Haussmann leitete eine soziale Vereinheitlichung der "quartiers" ein, eine Trennung der Reichen von den Armen in ökonomisch überschaubaren Einheiten, eine ökologie der Klassen. Für die Hausbesitzer ist dieser Modernisierungsschritt rational, weil sie nun ihre Investitionen besser kalkulieren können. Um die neu geschaffenen "quartiers" zieht Hausmann die "grands boulevards". Die aufsehenerregend breiten Straßenzüge, die vor ihrer Fertigstellung mit Zelttuch verhängt und wie Denkmäler enthüllt werden, dienen der Aufstandsbekämpfung. Haussmann will den Bau von Barrikaden über die gesamte Breite der Straße verhindern. Bleibt hinzuzufügen, daß die Pariser Kommune 1871 nicht nur end-gültig die Illusion zerschlägt, daß das Proletariat zusammen mit dem Bürgertum das Werk von 1789 beenden wird, sondern auch Haussmanns Pläne durchkreuzt: Die Barrikaden entstehen aufs neue, ziehen sich über die großen Boulevards und reichen oftmals bis zum ersten Stock.

Abgeschlossene Stadtviertel sind das Produkt einer ökonomischen Rationalisierung des urbanen Raums im 19. Jahrhundert.

Sie führen dazu, daß der Blickwinkel und die urbane Erfahrung sowohl der Arbeiterinnen als auch der bürgerlichen Frauen stark eingeschränkt wird. Beide sind auf unterschiedliche Art und Weise eingesperrt, betrogen um das Versprechen der Stadt: um Freizügigkeit, Komplexität und urbanen Kosmopolitismus. Die Abeiterinnen sind auf ihre eigene Armut und die der drei nächsten Blocks zurückverwiesen, auf den Gang zu einer Arbeit, die fast das ganze Leben auffrißt, und zurück. Die Frauen sind im Haushalt eingesperrt, auf- und abgehend in einem Viereck zwischen Schneider, Frauenverein und einer Verabredung zum Tee oder Abendessen. Bei ArbeiterInnen und auch bei bürgerlichen Frauen entsteht in der Folge ein urbaner Provinzialismus: ein Ohne- Stadt- in- der- Stadt- Sein. Einer der wenigen alltäglichen Wege, der sie in andere Stadtviertel bringt, führt in die neuen Warenhäuser.

Öffentlichkeit ist allen als mediales Moment realisiert worden eine politische Öffentlichkeit der Straße, dieses pathetische Versprechen der bürgerlichen Revolution, versperren Segregation, Einsperrung und Ausbeutung. Erst als reine Konsum-Erfahrung wird sie wieder reaktualisiert, als Warenöffentlichekt. Mit der Eröffnung der ersten Warenhäuser Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die spektakuläre Inszenierung der Konsumption, die Subjektivität mit Einkaufen, Kleidung und Stil verschweißen wird. Das ist der Anfang einer Repräsentation von Lust, Begehren und Ich- Gefühl in der Warenwelt. Hier setzt das permanente leise Verfehlen des Wunsches nach Emanzipation und Glück im Kaufen und im Lebensstil ein, ein Verschieben, Unterlaufen, Entwenden und wieder in die Warenästetik-Schmeißen.

Noch 1750 ist ein Kleidungsstück nicht mehr als ein Kennzeichen für den Platz, den man in der Gesellschaft einnimmt. Hundert Jahre später beginnt ein Kleid, auch wenn es "von der Stange ist", nicht besonders hübsch und billig, ein Ausdruck des Selbst zu werden. Das stets virulente Absatzproblem des Kapitalismus unterstützt und produziert diese Fetischisierung der Ware. Sie wird mit einem utopischen Versprechen aufgeladen, das von ihren Produktionsbedingungen abstrahiert. Gleichzeitig entsteht die Ästhetik der Reklame, mit der die Kunst in den Dienst des Geschäfts eintritt. Die Stadt verwandelt sich in eine Bühne der Konsumption.

Diese Schlacht, Öffentlichkeit in privaten Konsum zu übersetzen, tobt heute mit neuer Heftigkeit. Seit den 80er Jahren wird Konsum von dem fordistischen Niveau "C&A, Woolworth und Plaza für alle" wieder auf ein differenzierteres, exklusiveres Niveau gehoben, das auch manche Impulse der neuen sozialen Bewegungen vom Straßenfest über den kleinen Service des Bioladens und der kleinen Fahradwerkstatt kapitalistisch verwertet. Die sogenannte Innenstadtaufwertung simuliert die Bedeutung eines Stadtkerns in der Geographie von Yuppie- Design- Teuer- Geschäften. So wird die Proll- Trostlosigkeit der Fußgängerzonen um schicken Luxus erweitert: Shopping Malls, Passagen, Bistrots, Lifestyle.

Was hat zur Fußgängerzone geführt, und wer hat dagegen gekämpft?

Nach dem zweiten Weltkrieg wird die urbanistische Entwicklungslinie der räumlichen Trennung in ungeheurem Ausmaß fortgesetzt. Das fordistische Modell von Massenproduktion und Massenkonsum setzt die Ordnung von tayloristischer Fabrik, Fließband und Billigkonsum auch im städtischen Milieu um. Schlafen, Arbeiten, Konsumieren werden voneinander getrennt. Die Stadtzentren verlieren an Bedeutung. Die Dörfer werden zu Kolonien des städtischen Wohnungsbaus, weil es den Mittelstand "nach draußen" zieht. Dort, auf einem eingezäunten Quadrat, errichtet er seine Ideologie von Privatheit, Wohlstand, Familie, Garage und Rasenmäher. Daneben entstehen riesige Trabantensiedlungen für die unteren Mittelschichten und ArbeiterInnen.

Auf der abgeräumten, halbleeren Bühne der Stadt taucht in den 60er Jahren ein neues politisches Subjekt auf, die Masse der jungen ArbeiterInnen, der StudentInnen und SchülerInnen. Vor allem in Italien und Frankreich bestreiten beide Gruppen zusammen einen gemeinsamen Zyklus der Auseinandersetzungen. Einer der Momente, bei dem diese Auseinandersetzungen das erste Mal sichtbar werden, sind die Juni- und Julikämpfe in Italien 1960. Was als militante Demonstration gegen einen geplanten Kongreß der faschistischen MSI in Genua beginnt, führt in eine ganze Reihe von Straßenschlachten mit der Polizei und gleichzeitig in die Konfrontation mit der Integrationspolitik der PCI. Es ist ein Auftakt für das, was die italienische Arbeiterautonomie und Jugendrevolte von potere operaio bis zur autonomia operaia bestimmen wird: ein Aufstand gegen die Disziplinierung der Fabrik und der Gesellschaft, gegen das kommunistische Arbeitsethos, gegen die Raumordnung der Städte, gegen ein Leben zwischen Zwangsarbeit, programmierter Freizeit und reguliertem Wohnraum. Hier liegt einer der Anfänge der neuen sozialen Bewegungen und der Mikropolitik, die nicht die Sache der "großen Politik", der Partei und der Askese verfolgen, sondern einen vielfachen, gleichzeitigen Aufbruch gegen die Unterdrückung in der Familie, der Schule, der Universität, der Fabrik und für einen Beginn der Veränderung jetzt-sofort!, in Fabrikbesetzungen, in Wohngemeinschaften, in neuen Geschlechterbeziehungen, in centri sociali, in einer neuen Musik, einer neuen Lebensweise -- eine Multiplikation der Kämpfe und Widersprüche, aber auch eine Verkleinerung und eine neue Unschärfe. Politik, Gegenkultur und Subjektivität beginnen sich ineinander zu verknäulen. Remember the Schwabinger Krawalle.

Die Stadt ist die Bühne der Minoritären Kämpfe. Was kann man mit ihr machen?

Wie die Geographie der Macht verändern, die sich über die Jahrhunderte eingerichtet hat, die institutionellen Regelungen, die Kontrollen, das Diagramm geregelter Ströme von Waren, Autos und Passanten? Bereits in den 50er Jahren wählen die Vorläufer der situationistischen Internationale die Kritik der städtischen Geographie zu einem ihrer Hauptagitationsfelder: Gegen die subjektive Langeweile in der Stadt, gegen das Spektakel der Warenkonsumption, das die Möglichkeit eines anderen Lebens verstellt, gegen eine Aufstandsbekämpfung, die sich in der Abschaffung der Straße als sozialen Ort durch Autoverkehr und integrierten Siedlungsbau materialisiert. 1980/81 setzt dagegen in den Städten der Bundesrepublik eine existentialistische Revolte ein, die sich noch einmal auf die italienischen Erfahrungen bezieht.

Die Politik der beginnenden autonomen Bewegungen ist mikropolitisch und aggressiv -- Politik der ersten Person. 1981 schreibt ein Mitarbeiter der Zeitschrift "radikal" Statements, die aus der damaligen Stimmung herauszulesen sind: "Unsere Power kann man spüren, wenn es Putz gibt auf der Straße (...) dem Zittern aus Lust und Angst in der Magengrube, beim Klirren der Scheibe nach dem befreienden Wurf, beim Lachen im Rennen..." Diese Aufbruchsstimmung endet schon 1983. Die "Power" verschwindet. Bereits 1981 - allein in Berlin sind knapp 200 Häuser besetzt - knallt es zwischen Verhandlern und Nicht-Verhandlern im Häuserkampf. Auf lange Sicht geht es dabei um die Frage, ob die Häuser Ausgangspunkt einer sozialen Revolution oder Rückzugspunkt in eine alternative Nische sind. Der autonome Subjektivismus, das existentialistische Revolten-Projekt, die Politik der Freiräume haben eine andere Zeit und einen anderen Ort in der Stadt eröffnet, in der "immer mehr die Arbeit, Schule und Familie (verlassen), durch die Straßen (streunen) (...) Man braucht keinen Beruf mehr, um im Reichtum zu leben, sondern lediglich Steine, Werkzeuge und zuverlässige Freunde" (>radikal<, 1980). Dieses Projekt gerät in die schwierige Dynamik von Repression und Integration. Die Politik der Freiräume ist am Ende dem befürchteten "Gartenzwergmodell", das sich zuwenig sozial ausweitet, sehr nahe gekommen.

Der Aufruf "den Kampf in die Viertel tragen" hat die Umstrukturierung der Viertel nicht aufgehalten. Heute ist der Kiez mit seinen legalisierten Häusern, ökologisch und in Schöner- Wohnen- Eigenleistung saniert, aufgewertetes Gebiet, attraktiv für Boutiquen, schicke Restaurants und "bessere Mieterschichten". Das macht den Versuch rückwirkend nicht falsch, signalisiert aber, daß er beschränkt ist und daß die Zeiten sich geändert haben: Die Vorstellung nicht- integrativer Freiräume läuft inzwischen ins Leere, weil die herrschende Politik im neoliberalen Format selber mit der Freisetzung in kapitalisierte Räume arbeitet: Du sollst nicht integriert werden, sondern dich um dich selbst kümmern. Werde dein eigener Unternehmer, deine eigene Sozialversicherung usw. Der autonome "Kampf in den Städten" weist einige blinde Flecken auf: zum Beispiel hat er keine Antwort auf den zunehmenden institutionellen Rassismus seit Beginn der 80er Jahre gegeben. Bis Anfang der 90er Jahre sind Rassismus und Nationalismus Randerscheinungen in der autonomen Diskussion. Allmählich erst bilden sich kleine Ansätze antirassistischer Praxis und Fluchthilfe.

Die Innenstadtaktionen im Juli 1997 sind der Versuch, innerhalb einer breiter angelegten, öffentlichen Kampagne auf die rassistischen und ökonomischen Trennungslinien hinzuweisen, die die Großstädte durchziehen. Es geht darum, neue Formen der Kontrolle sichtbar zu machen. Das ist kein Kampf um Freiräume, sondern eine lose Aktionsreihe gegen Herrschaftspraktiken, gegen die Säuberungen der Innenstädte als anti-rassistischer Angriff.

Kommunikationszone: Organisationsprinzip Park

(gekürzte Version eines Vortrags, gehalten am 6.5.97 im Kunstraum München/ Veranstaltungsreihe "DJ Turban")

 

Central Park (New York City)

Kunstpark, Mediapark, Pixelpark, Technopark- über die Simulation von Freizeitkultur in Arbeitszusammenhängen

Architektur und städtische Kulturen produzieren Raumbilder der sozialen Transformation, deren Sinngehalt sich dem alltäglichen Blick entzieht und deshalb erst entschlüsselt werden muß.
Noller/ Ronneberger "Die neue Dienstleistungsstadt"

In the fast pace of life we often to relax. A peaceful mind communicates better... The message of nature. Get into nature and relax.
Packungsaufdruck /Plastiksingvögel

Der Garten ist die erste Abgrenzung des Menschen von der grenzenlosen Natur. Das Wort Garten beruht auf dem indogermanischen ghorto-s oder ghordho-s, was Flechtwerk, Zaun, Hürde oder auch Umzäunung, Eingehegtes bedeutet. Damit wird der Garten als ein gestaltetes, geordnetes "Innen" gegenüber einem anders gearteten, chaotischen "Außen" definiert, was in der ursprünglichen Vorstellung die wildwüchsige Natur jenseits der Mauer meint. In der historischen Entwicklung verschiebt sich nach und nach diese Zuordnung des Chaotischen von der umliegenden "Natur" hin zur umgebenden "Stadt". Analog wird nun der Stadt die zerstörerische Kraft zugeschrieben, die alles fromme Menschenwerk gleichgültig verschlingt. In der Geschichte der Gartengestaltung wird die diese Schnittstelle zwischen Innen und Außen erstaunlicherweise erst relativ spät explizit berücksichtigt.

Frederic Law Olmsted, einer der ersten Theoretiker öffentlicher Parks und Architekt u.a. des Central Parks, bestimmt 1858 noch ganz in der Tradition seiner Vorgänger, daß die Realität New Yorks optisch ausgeschlossen werden soll durch eine dichte Reihe von Bäumen: "Die Enge der Wohnungen treibt die jungen Menschen auf die Bordsteine und in die Destillen. Wir brauchen einen größtmöglichen Gegensatz zu den Straßen, Geschäften und Stuben der Stadt. Wir brauchen einen ausreichend breiten Waldgürtel ringsum, um die Stadt von unseren Landschaften gänzlich auszuschließen."

Trotzdem begreift Olmsted den Stadtpark nicht als isolierte Enklave. Die Verbindung von Stadt und Park muß durch routes of communication gewährleistet bleiben, die bereits Teil der Parkgestaltung sind. "It is a common error to regard a park as something to be produced complete in itself, as a picture to be painted on canvas. It should rather be planned as one to be done in fresco, with constant consideration of exterior objects."

Die Struktur eines Parks läßt sich im weitesten Sinne als modular beschreiben, als eine flächige Anordnung von unterschiedlichen Situationen oder features, die durch ein Wegesystem miteinander verbunden sind. Die Art der Anordnung sowie die Auswahl der angebotenen Situationen und Nutzungsmöglichkeiten unterliegt dabei dem jeweiligen Zeitgeschmack bzw. dem der Parkgestaltung zugrundeliegenden Machtinteresse.

Ein anschauliches Beispiel ist der Parc de la Villette in Paris (Bernard Tschumi/ 1983), in dessen Entwurf "Natur"eine grüne Kulisse für die rasterförmig verteilten follies bildet. Ähnlich wie im Park von Versailles werden diese architektonischen Einsprengsel für kulturelle Darbietungen genutzt, allerdings erweitert um "demokratische" Angebote wie Sportanlagen, Spielplätze und Kinos. Ein verschlungenes Wegesystem, welches das strenge Raster kreuzt, breite Achsen und aufgestellte Tangenten, Freiflächen und kleine Nischen werfen die Frage auf, welcher Herrschaftsentwurf hier abgebildet wird. Volkssouveränität nur vordergründig" die BesucherInnen bewegen sich eher wie software in einem omnipräsenten System. Vielmehr entsteht der Eindruck, daß hier eine (Staats) Ordnung realisiert wurde, deren Struktur sich auf architektonischen Planzeichnungen erschließt und hier auch sinnvoll und verständlich scheint " in der Erfahrung als BesucherIn sich jedoch als fast vollkommene Determination des Handelns erweist. Kommunikationszone meint also nicht nur horizontal den Austausch im besten Falle freier Individuen, wie in der Geschichte öffentlicher Gärten immer wieder formuliert wurde, sondern ebenso vertikal die Kommunikation zwischen System und Volk, wobei allerdings die Art und Weise des Diskurses einseitig festgeschrieben wird.

Sehr viel Sorgfalt wird bei der Planung eines Parks auf die Zusammenstellung der unterschiedlichen Situationen verwandt. Die einzelnen Elemente "seien es nun Tempelchen, Wasserspiele, Blumenrabatten, lauschige Wäldchen oder Spielplätze und Skateboardbahnen " sollen jeweils für sich wirken können, an- sich erfahrbar sein und sich gleichzeitig einfügen in das zugrundeliegende Gesamtkonzept. Dabei gilt die Regel, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Bestandteile" übertragen auf moderne Wirtschaftsorganisation heißt das Synergieeffekt.

Der Park Olmstedtscher Prägung sollte allen gesellschaftlichen Klassen zugänglich sein und vor allem die Lebensgewohnheiten der Arbeiter durch den Kontakt mit gesellschaftlich Höhergestellten in einer beschaulichen Umgebung verbessern. Olmsted wollte die ethnischen Identitäten der italienischen und irischen Nachbarschaften brechen und homogene Amerikaner schaffen. Damit formuliert Olmsted als erster einen in der Folgezeit immer wieder genannten Aspekt öffentlicher Gärten: Die trügerische Auflösung der objektiven Klassengegensätze in Gottes freier Natur. Weitere von ihm aufgezählte Vorteile des Stadtparks sind: Er wird zu einem neuen Zentrum für die Stadt, Ärzte schicken Kranke hierher zur Genesung statt aufs Land, Fremde werden bewogen, sich in der Stadt anzusiedeln, die Grundstückspreise steigen, Arme, die keine Reisen finanzieren können, finden hier Erholung, kurz: "The addition thus made to the productive labour of the city is not unimportant."

Olmsteds Erkenntnis" daß städtisches Grün, ursprünglich ohne eindeutig kommerzielle Hintergedanken zum Wohle der Christengemeinschaft ersonnen, durchaus in den kapitalistischen Wertschöpfungsprozeß eingebunden werden kann" tritt nun immer stärker in den Vordergrund. In den Kristallpalästen des 19. Jahrhunderts werden Waren und exotische Natur als spektakuläre Gesamtschau präsentiert, für Dan Graham sind sie die Vorläufer dessen, was er corporate gardens nennt: Seit den 70ern tauchen luxuriöse Indoor- Gärten vermehrt in Bürogebäuden, Konzernzentralen und Kaufhäusern auf, oft als Entrée- Situation oder halböffentlicher Innenhof für KundInnen und Angstellte. Seit den 80ern wird versucht, den Zusammenhang zwischen Grünpflanzen und Arbeitszufriedenheit, Produktivität und Konsumbereitschaft statistisch zu belegen. Wissenschaftliche Untersuchungen über Streßminderung, Urverhalten (Blumen = Nahrung), subjektive Wahrnehmung und Kaufverhalten führten zu einem gezielten Einsatz von Pflanzen. Meist in Form der sog. "Hydrokulturen" (die mit den kackbraunen Kügelchen), die durch aufwendige Züchtung und Manipulation an die artifizielle Umgebung angepaßt werden. Die Hydrokulturen- Industrie scheut sich nicht, aus Werbegründen ihre Produkte in den Weltraum zu schiessen, um deren Qualität unter Beweis zu stellen.

Zur Zeit werden Richtlinien erarbeitet, aus denen hervorgehen soll, wieviel Grün notwendig ist, um die Produktivität am Arbeitsplatz zu steigern, dem sick- building- Effekt entgegenzuwirken oder die KonsumentIn zu weiteren Einkäufen zu animieren. In Arbeitszusammenhängen sollen grüne Inseln die Eigenmotivation (Blumengiessen) der Mitarbeiter fördern und deren Neigung zum Kranksein entgegenwirken. Anschaffungskosten für Pflanzen und Effekt auf die Reproduktion der Arbeitskraft werden in einen direkten Kosten- Nutzen-Zusammenhang gebracht.

Die Bürobegrünung unterliegt also demselben Rationalisierungs- und Optimierungsprozeß wie die Ware Arbeitskraft selbst. Nachdem die technische Modernisierung vorläufig ihren Endpunkt in der fast menschenleeren CIM -Produktion (computer- integrated- manufacting) gefunden hat, wird nun versucht, den noch verbliebenen ArbeitnehmerInnen volle Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, um weitere Produktionssteigerungen zu erzielen. Das Zauberwort der Wirtschaftstheoretiker heißt zur Zeit Fraktale Fabrik, was vereinfacht gesagt eine Auflösung starrer vertikaler Hierarchien zugunsten einer flächigen Organisation in kleinen, hochspezialisierten und hochmotivierten teams meint.

Bei der Lektüre einschlägiger Fachliteratur fällt auf, wie schwierig es scheint, diese Motivation der Mitarbeiter zu erreichen, ohne eine gesamtgesellschaftliche Perspektive zu bieten. Für die ArbeitnehmerInnen der Nachkriegsgeneration galt der Wert der Arbeit über den individuellen Lohn hinaus als Beitrag zum Wohlstand und damit der Stabilität der Gemeinschaft. Dieser Gesellschaftsvertrag wurde in den letzten Jahren durch Kapitaltransfers globalisierter Konzerne ins Ausland einseitig gekündigt. Nun soll ein Geflecht aus Prämien sowohl die Gruppenleistung als auch die Einzelbeiträge finanziell honorieren. Revolution der Unternehmenskultur (Hans- Jürgen Warnecke, erschienen 1993) bedeutet jedoch langfristig eine Annäherung der Unternehmensinteressen an die der MitarbeiterInnen und umgekehrt, um so die neue Qualität der Ausbeutung positiv zu einem kollektiven Interesse umzudeuten. Dabei wird auf die Ablösung von "nationaler" durch "corporate" Identität hingearbeitet. In diesem Entwurf konstruiert sich Identität nicht mehr in erster Linie aus "Deutscher/ Deutsche-Sein" (was ja in jedem Falle begrüßenswert wäre), sondern aus "Siemens-", "IBM-", "Mercedes-" oder "Deutsche Bank- Sein". Corporate Identity muß also nicht länger einfach nur die Ware verkaufen, sondern zunehmend einen ganzen Lebensentwurf bieten oder zumindest simulieren.

Um das zu erreichen, ist die Rede von ganzheitlichen Ansätzen, Förderung der Kreativität und Eigenverantwortlichkeit, um ganz normale ArbeitnehmerInnen in leidenschaftlich engagierte MitarbeiterInnen zu verwandeln. Natürlich mit dem Ziel, daß jemand, der oder die sich 24 Stunden am Tag mit den Interessen der Firma identifiziert, problemlos drei Büromuffel ersetzt. Im Fachjargon spricht man von committment, was sich mit "totale Hingabe" übersetzen läßt. Dabei wird darauf gesetzt, daß mit jedem hochbezahlten, hochqualifizierten neuen Dienstleister eine ganze Reihe McJobs entstehen. Diese guten Geister erfüllen nicht unbedingt neue Aufgaben, aber alle Anforderungen des new way of working wie Flexibilisierung, deregulierte Arbeitsverhältnisse oder Kleinunternehmer- Selbstständigkeit gelten auch für sie. Sind in dieser neuen Arbeitswelt die Arbeitenden austauschbar geworden, so gilt dies extrem für diesen Bereich.

Der Stadtpark idealisiert die Naturlandschaft - der Dienstleistungspark idealisiert die Kulturlandschaft

Dienstleistungsparks sind eine Verdichtung strukturell verwandter Gewerbe. In den 60er Jahren wurde noch von Gewerbeparks gesprochen, seit den 80er Jahren konzentrieren sich dort v.a. Kommunikationsindustrie, Software- und HighTechentwicklung, Gentechnologie, und" als Feigenblatt sozusagen" die Forschung im Bereich erneuerbarer Energiequellen. In letzter Zeit wurde die Palette ergänzt durch Multimedia- und Unterhaltungsindustrie. Also das gesamte Spektrum sauberer, zukunfsträchtiger Produktion für das nächste Jahrtausend. Architektonisch werden diese technoparks als großer Wurf geplant. Große innerstädtische Flächen oder ganze Viertel werden erschlossen und mit einer Gesamtplanung überzogen. Gebaut wird von Investoren, selten von den Firmen, die später dort tatsächlich einziehen und dementsprechend multifunktional müssen die Gebäude sein. In einigen Anlagen sind außerdem hochwertige Miet- und Eigentumswohnungen intergriert, und als Zuckerl für die Bevölkerung gibt es Freizeitangebote wie Kinos, Ausstellungshallen, Cafés und Restaurants. Immer häufiger findet man dort auch bisher städtische Dienstleistungen wie Biblio- und Mediatheken oder Weiterbildungsstätten, die hier allerdings privatwirtschaftlich organisiert sind. Als Finanzierungsmodell liegt dabei fast immer ein private- pulic- partnership zugrunde, was entweder so aussieht, daß die Stadt das Baugrundstück zur Verfügung stellt oder aber den Ausbau der Infrastruktur mitfinanziert. Dieses Mischungsverhältnis von Zukunftstechnologie, Freizeitangeboten und imageträchtiger Architektur, aufbereitet durch die hauseigene Werbeagentur, läuft im Stadtplanungsjargon unter dem Stichwort punktuelle Entwicklung. In diesen genau abgegrenzten Zonen wird sozusagen eine Modellstadt entworfen, die alle als unkontrollierbar und bedrohlich empfundenen Aspekte der umliegenden Stadt ausklammert. Den angrenzenden Vierteln wird durch den damit geschaffenen Investitionsanreiz eine Aufwertung im Sinne eines keynesianistischen Entwicklungsmodells in Aussicht gestellt, was die Stadt offenbar ihrer Verpflichtung enthebt, eigene sozialverträgliche Konzepte zu entwickeln. Bei unserer Recherche zeigte sich, daß die Betreibergesellschaften weltweit mit mehr oder weniger denselben Argumenten werben: überdurchschnittliche Telekommunikationsstruktur, geländeeigener Wach-, Sicherheits-, Reinigungs- und Telefondienst, Konferenz- und Schulungsräumlichkeiten, optimale Verkehrsanbindung, gemeinsames Marketingkonzept, Synergieeffekt durch einander ergänzende Unternehmen.

Das Organisationsprinzip Park liefert dabei ein schlüssiges Sinnbild des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Park mit allen Assoziationen von Sauberkeit, Reinheit, guter Luft und Wohlbefinden bildet den größtmöglichen Gegensatz zur staubigen, rußigen, dunklen Fabrikhalle der Väter und Großväter. Organisationsprinzip Park heißt damit auch Abschied vom Arbeitsethos der Nachkriegsgesellschaft, wo Arbeit eben Arbeit war und Freizeit Freizeit. Es überrascht nicht, daß das Durchschnittsalter der Technoparkbewohner irgendwo zwischen zwanzig und fünfunddreißig liegt. Organisationsprinzip Park bildet den idealen Aktionsrahmen für die selbstverantwortlich handelnde Neue ArbeitnehmerIn. Was in der Geschichte öffentlicher Gärten noch einen empanzipatorischen Charakter hatte - Im Park wird das Individuum als Ganzes angesprochen, im Gegensatz zum Zustand der Entfremdung durch Industriearbeit " wird im technopark als Positivassoziation abgegriffen und in den Arbeitsprozeß überführt.

Im Computerbusiness gibt es kein tradiertes Berufsbild. Idealisiert wird der kreative Quereinsteiger, der seine Individualität auch im Job auslebt. Als Vorlage dient dabei immer noch der MacIntosh -Mythos der freakigen Jungs, die in Vaters Garage ihren ersten Rechner zusammenbastelten, um mit 25 Millionär zu werden. Damit ist eine neue Generation von Unter- und ArbeitnehmerInnen am Start, die zwar alle geforderten Eigenschaften wie Flexibilität (meistens Single), Kommunikationsfähigkeit, souveräner Umgang mit HighTech etc. mitbringt, aber keineswegs bereit ist, für den Job irgendwelche Konzessionen im Bereich Lebensqualität bzw. Lifestyle zu machen. Auch hier erweist sich das Organisationsprinzip Park als äußerst dankbar: Das optionale Einbringen von "Freizeitbeschäftigung" (in einer Band spielen, Zen- Buddhismus praktizieren, Kunst machen, Drogen konsumieren...) in den Arbeitszusammenhang, was einerseits die Grenze verwischt, gewährleistet andererseits oder gerade dadurch die Identifikation mit dem Job, da offenbar jeder Persönlichkeitsaspekt integriert werden kann. An diesem Punkt kommen Jugendkulturkonzepte ins Spiel. Rituale, die nach innen den Zusammenhalt des teams bilden, signalisieren nach außen dem potentiellen Kunden, der dein Vater sein könnte, "auf- der- Höhe- der- Zeit- sein", Hipness und damit Zielgruppenkompetenz durch Insiderwissen. Das Leben im technopark bedeutet in etwa 3.ooo DM netto verdienen und trotzdem niemals erwachsen werden müssen. Arbeiten im Park heißt eher sich mit seiner posse treffen und das zu tun, worauf man gerade Lust hat. (Neue software austesten, Internetsurfen, kleine 3D-Animationen basteln...) Wenn sich das zufällig mit den Interessen der Firma vereinbaren läßt, umso besser. Wenn in der Geschichte der öffentlichen Gärten der Park als "Bühne der Selbstdarstellung" bezeichnet wird, so gilt das umso mehr für die Technologie-, Media- und Kunstparks, wo schöne, junge und erfolgreiche Menschen unschuldig ihren Narzißmus ausleben.

Die technoparks sind ein internationales Phänomen und passen perfekt in eine Ökonomie der Globalisierung, in der wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr nationalstaatlich, sondern punktuell- regionalistisch vorangetrieben wird. In der Logik der Globalisierung nehmen diese Parks den Bereich zwischen den innerstädtischen Konzernzentralen der global players und den outgesourceten Produktionsstandorten in Billiglohngebieten ein. Gerade in Ländern wie Indien ist das Entwicklungsgefälle zwischen High- Tech- Inseln und ihrer Umgebung besonders frappierend: Die Software Technology Parks of India werben mit Acces to Satellite Earth Station, High Speed Internet Access und einer eigenen Power Station für den Fall von regionalem Stromausfall, während weite Teile des Landes in Armut versinken. Die Situation in Bangalore oder Hyderabad, wo die STPIs die letzte Bastion einigermaßen bezahlter Lohnarbeit darstellen, könnte auch als Negativperspektive für Europa dienen.

Das "Grundprinzip von Offenheit und Interdisziplinarität", womit die technoparks im Internet werben, erweist sich ziemlich schnell als leere Botschaft, wenn man sich die Vorkehrungen vor Augen führt, mit denen die Grenzen nach außen abgesichert sind. Was Olmsted geradezu prophetisch als "routes of communication" bezeichnet hat, "das Wegenetz, welches den Park mit dem städtischen Umfeld verbindet" läßt sich unschwer übertragen auf die Hochleistungsdatahighways, die nun weltweit die technoparks mit ihren Kunden und untereinander vernetzen. Mit dem Unterschied, daß diese Straßen keinen allgemein zugänglichen, öffentlichen Raum mehr darstellen, sondern der Zugang durch Ausbildung, finanzielle und gesellschaftliche Stellung klar reglementiert ist. Die meisten Parks greifen darüberhinaus auf den altbewährten Zaun zurück, um die Grenze zwischen drinnen und draußen zu definieren. Videoüberwachung im Eingangsbereich und geländeeigener Sicherheitsdienst gehören offenbar zur Standardausstattung und erfüllen dieselbe Funktion, wie einst die dichte Baumreihe am Rande des Central Park: Nämlich die soziale Realität der Stadt auszublenden.

Die Techno- und Dienstleistungsparks arbeiten mit den Versprechen von Pluralität, Selbstverwirklichung und freier Kommunikation, die in der historische Entwicklung der öffentlichen Gärten als Kriterien definiert worden sind. Sie bedienen sich der Struktur des vielfältigen Angebots, die der Parkgestaltung entlehnt ist: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. Was " mit allen Vorbehalten, wenn man z.B. an die Vertreibung von Obdachlosen aus den Stadtparks denkt " jedoch dort noch als tatsächlich öffentlicher Raum gelesen werden kann, wo vielfältige soziale Beziehungen und auch Konflikte ihren Niederschlag finden, ist hier ein komplett durchrationalisiertes "Image". Hier sind sämtliche Komponenten auf ihre kommerzielle Verwertbarkeit hin durchgecheckt. Den Kommunen fehlen heute angeblich die finanziellen Mittel, um Konzepte von nachhaltiger Stadtentwicklung, die Segregation und Ausgrenzung entgegenwirken könnten, tatsächlich umzusetzen. In diese Bresche springen die private- public- partnerships, die punktuell " in Kunst-, Media- und Freizeitparks, in den Bahnhöfen fürs nächste Jahrtausend ebenso wie in den Fußgängerzonen der Innenstädte " die Fassade der Urbanität aufrechterhalten.

Zitate aus Werbebroschüren:

Multifunktional" also variabel in Nutzungsart und Größe " das sind die Vorgaben für die Entwicklung eines modernen gebäudetechnischen Konzeptes. Anspruchsvolle Architektur und die Verwendung hochwertiger und zeitgemäßer Baumaterialien sorgen für die notwendige Repräsentanz nach außen. Parkähnliche Außenanlagen sehen wir als bedeutendes Element der Landschaftsgestaltung an; sie runden das Bild eines modernen Campus mit Atmosphäre ab, in dem sich motiviert arbeiten läßt. Absoluter Pluspunkt ist natürlich die grüne Umgebung, das sportliche und kulturelle Angebot, kurz" das was der Mensch unter Lebensqualität versteht. Wo andere ihre Freizeit verbringen und Erholung suchen da arbeiten wir" im grünen Bergischen Land. Nach dem Motto: Sicherer gründen" erfolgreicher starten! können Sie als Existenzgründer im Technologiezentrum auf fundierte Beratung und Unterstützung bauen.
(Technologiepark Bergisch Gladbach)

Neue Medien. Neue Märkte. Neues Denken.
Pixel ist die Bezeichnung für den kleinsten auf dem Monitor darstellbaren Bildpunkt und steht für die Arbeitsgrundlage Computer. Park steht für eine angenehme, gewachsene Struktur und drückt das Grundprinzip Offenheit und Interdisziplinarität aus.
(Pixelpark Berlin, Multimedia- Firma)

In Köln entsteht ein neuer Stadtteil" der MediaPark Köln. Er ist ein hochwertiger und innovativer Standort für Unternehmen und Institutionen aus den Bereichen Medien, Informationstechnologie und Telekommunikation, Aus- und Weiterbildung sowie Kunst und Kultur. Das Gesamtkonzept des MediaParks beruht auf der Verknüpfung vielfältiger Bereiche, die für die Entwicklung einer Stadtteilkultur wichtig sind. Wohnanlagen, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote ergänzen den Nutzungsmix und machen den MediaPark Köln zu einem lebendigen Stadtteil, in dem Leben, Wohnen und Arbeiten Spaß machen werden. Die unmittelbare Nachbarschaft kreativer und innovativer Unternehmen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten und ineinandergreifenden Leistungsspektren wird vielfältige Synergie- und Kooperationspotentiale eröffnen. Der MediaPark Köln bietet außerdem eine hervorragende Infrastruktur und Services, die den Arbeitsalltag erleichtern. Dazu gehören die Angebote des Teleport MediaPark Köln mit einem modernen Telekommunikationsnetz und zuverlässigen Sicherheitssystemen. Das städtebauliche Konzept und die Architektur der einzelnen Gebäude wurden von renommierten Architekten aus dem In- und Ausland entworfen.
(MediaPark Köln)

Jan Hendrik Neumann
Disneyland mit Todesstrafe

aus der Berliner Zeitung vom 21.07.1997

Rem Koolhaas zeigt, wo es die inspirierendsten Architekten der Welt gibt: in China

"Pearl River Delta" heißt der Ausstellungsbeitrag des holländischen Architekten Rem Koolhaas, der an zwei Standorten der Kasseler documenta sich der "Neuen Architektur und Städteplanung" in Asien widmet. Zusammen mit seinen Studenten aus Harvard untersuchte Koolhaas 1996 die Wachstumsregion "Pearl River Delta" in Südchina und deren Brennpunkt Hongkong, Macao, Guangzhou, Nogguan, Zhuhai und Chenzhen. Laut Koolhaas werden diese Städte aufgrund eines Baubooms unbekannter Dimension bis zum Jahr 2020 zu einer einzigen gigantischen Metropolis zusammengewachsen sein, deren Einwohnerzahl vermutlich von 16 auf 34 Millionen steigt.

Die Hauptursache dieser Entwicklung sieht der holländische Architekt in der von Deng nach Maos Tod ausgegebenen Parole "Reich zu werden ist großartig", die die Landflucht anheizte und zur Gründung der "Wirtschafts- Sonderzonen" führte, in denen sich kommunistische und kapitalistische Wirtschaftsformen mischen. Das Hongkong benachbarte Millionendorf Chenzhen betrachtet Rem Koolhaas mit unverhohlener Sympathie als symptomatisch nicht nur für die Zukunft des Kontinents Asiens, sondern auch der gesamten Architektur und Städteplanung in der Welt.

Glanz in den Augen

Bei der Vorstellung seines Projektes im Rahmen der documenta- Begleitveranstaltung "100 Tage / 100 Gäste" jüngst in Kassel lag Glanz in Koolhaas' Augen, als er Aufnahmen der Stadt zeigte: "Kein Gebäude ist älter als zehn Jahre. 450 Wolkenkratzer wurden in dieser Zeit allein in Chenzhen errichtet; die Stadt und die Architektur, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr." Als Urheber eines von ihm als "Meisterstück" empfundenen Gebäudes ermittelte er zwei völlig unbekannte chinesische Architekten.

Diese hatten den kompletten Wolkenkratzer an vier Nachmittagen am Computer entworfen - neben ihrer Vormittagstätigkeit als Lehrer. Derartige Erfahrungen verlocken Koolhaas zu Zahlenspielen und unkonventionellen Rentabilitätsüberlegungen, weil ihm die gängige Architektur- Terminologie für diese neuen Phänomene nicht mehr ausreichend erscheint. Die Begriffe müßten neu definiert werden oder gleich neu erfunden und sofort unter Copyright gestellt werden. Mit Diagrammen belegt er seine Erkenntnis: "Der chinesische Architekt(c) entwirft das größte Bauvolumen in der kürzesten Zeit für das geringste Honorar. Sein durchschnittliches Lebenswerk umfaßt mindestens dreissig 30stöckige Wolkenkratzer. Er ist 6000 mal produktiver als sein amerikanischer Kollege und damit der wichtigste, inspirierendste und wirksamste Architekt der Welt."

Auch die Archtitektur selbst erfährt in ihrer chinesischen Variante eine lexikalische Neudefinition. Sie lautet: "Architektur(c), Eigentumstitel, nur entfernt verwandt mit der Kunst oder Wissenschaft des Bauens. Entworfen im Pearl River Delta unter einem beispiellosen Druck von Zeit, Geschwindigkeit und Dimension." So werden auf dem chinesischen Aktienmarkt mittlerweile auch Wolkenkratzer zum Tageskurs gehandelt. Allein im Delta des Pearl-Flusses emtsteht jährlich eine etwa 500 Quadratkilometer große neue Stadtfläche - mehr als im gleichen Zeitraum in ganz Europa.

Das Tempo dieser Entwicklung läßt keine Zeit mehr für Theorien, wohl aber für ketzerische Thesen: "Planung ist da nur möglich, wo kein wirkliches Bedürfnis vorliegt", sagt Koolhaas, und betrachtet mit Faszination das unorthodoxe Ergebnis der fehlenden Stadtplanung Chenzhens: Im Gegensatz zu historisch gewachsenen Städten ist dessen Zentrum - flach. Es wird bestimmt von mehreren großen Themenparks (mit Mini-Eiffelturm zur Orientierung) und es wird geprägt von Hunderten von Golfplätzen.

"In Amerika waren 150 Jahre Entwicklung notwendig für eine Anlage wie den Central Park", sagt Koolhaas und zeigt Bilder von Autobahn- umschlossenen Reisfeldern und Fischteichen - im Herzen der Stadt. Hier ist kein Platz mehr für die bisher gültigen Spielregeln zur Schaffung von Urbanität. Das heute bevorzugte Entwicklungsinstrument sind Computerprogramme mit Namen wie "Photo-Shop", mit deren Hilfe die "Anhäufung individueller Wünsche wie Haus + Baum + Golfplatz" dann in die Architekturproduktion umgesetzt wird.

Obgleich derartige Entwicklungen unter den von Koolhaas geprägten Begriff den "City der erbitterten Unterschiede(c)" fallen, verwahrt er sich dennoch entschieden gegen westliche Ironisierungen wie "Disneyland mit Todesstrafe". Hier zeige sich nur der alte Hochmut des überholten Westens und dessen Unfähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren. "Wir sind blind, wenn wir nicht realisieren, wie sehr diese neuen Strukturen den neuen Bedürfnissen und der neuen Form der Stadt entsprechen." Das Zauberwort hierfür - in Singapur längst gebräuchlich - heißt "Coop-etition(c)" (gebildet aus "cooperation" und "competition"): Gröstmögliche konkurrierende Gegensätze, die einander ergänzen.

Unter diesen Vorraussetzungen hält er die heutige Architektenausbildung nicht mehr für sinnvoll. Weil alles von der Umwälzung ergriffen werde, scheitere die traditionelle Vermittlungsform. Die Tragödie der heutigen Archtekturlehre liegt für ihn in deren Unfähigkeit zur Erneuerung: "Tabula rasa(c) - das Abschneiden alter Zöpfe", sei im Westen ein zu Unrecht diskreditierter Begriff, während er in der Volksrepublik China positiv interpretiert werde als "Beginn von etwas Neuem".

Utopisches Denken?

Nur die komplette Überprüfung alter Dogmen und Tabus und die bewußte Lossagung von ihnen - zugunsten eines vom Ballast der Vergangenheit befreiten, utopischen Denkens ohne Schranken - kann seiner Ansicht nach zu neuen Lösungen führen. Die politisch-diktatorischen Rahmenbedingungen der von ihm bewunderten "kolossalen Metropolis" läßt der Holländer Koolhaas indes lieber unkommentiert: "Niemandem ist damit gedient, wenn ich mich über die bekannten Ereignisse auf dem "Platz des himmlischen Friedens" äußere. Auf diesem Gebiet bin ich nur Amateur."

Profi ist er hingegen im leichter realisierbaren "Spiel der Ungewißheiten" und dem "Vergessen vorgestanzter Identitäten". Auch hierin liegt für ihn die Chance "befreiender Effekte". Als Ideal schwebt ihm ein zehnjähriger Rückzug aller Architekten in die Forschung vor - damit diese zumindest eine Ahnung von den Herausforderungen der Zukunft erhalten werden.

Sein documenta-Beitrag will eine solche Ahnung vermitteln und damit zugleich ein grelles Schlaglicht werfen auf das Ereignis der Jahrtausendwende, über dem im Westen trotz des vielzitierten Phänomens des "globalen Dorfes" eine "Wolke des Unwissens" schwebe: "Die neue chinesische Revolution(c)."

Hochhausrahmenplan
der Stadt Frankfurt/Main
Der öffentliche Raum

www.skyscraper.com

Hochhäuser müssen nicht nur visuell zur Berei-cherung ihres Umfeldes beitragen. Da sie in einer engen Verflechtung mit ihrer Umgebung stehen, einer Verflechtung, die nicht nur räumliche und funktionale Kriterien erfüllt, sondern genauso eine kulturelle und soziale Komponente hat, spielt die Gestaltung des öffentlichen Raumes eine wesentliche Rolle.
Mit dem öffentlichen Raum sind jedoch nicht nur das städtische Gewebe der Straßen und Plätze im unmittelbaren Umfeld gemeint, sondern es zeigt sich, daß Lebensqualität dort entsteht, wo der öffentliche Raum in die Gebäude hineingreift. Die kleine heterogene Struktur von Läden, Passagen und kulturellen Einrichtungen im Sockel eines Gebäudes, ihre Durchmischung der Nutzung, bewahren uns vor den öden monofunktionalen Straßen. Der Bau eines Hochhauses kann unter besonderen Vorgaben einen öffentlichen Raum schaffen, indem in seinem Sockel Theater, Ausstellungshallen und Läden untergebracht werden.

Urbanität fordert stets den öffentlichen Raum, einen Raum der für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Diese öffentliche Begehbarkeit der Gebäude wird für die 5–6 Sockelgeschosse und die Turmspitze vorgeschlagen. Daß hierfür ein Bedürfnis besteht, wird im Frankfurter Hochhaus Festival deutlich. Tausende von Besuchern wollen die Wolkenkratzer ersteigen. Zahllose Beispiele aus New York City oder anderen städtischen Zentren Amerikas belegen, daß öffentliche Einrichtungen im Sockel und in den Turmspitzen im großen Maße zur sozialen Akzeptanz der Hochhäuser beitragen.

Die Turmspitzen können zur Aussicht mit Skylobbies oder Restaurants ausgestattet sein.

Die Freiraumqualität der Straßen, Plätze und Grünräume ist in ihrer sorgfältigen Profilbildung und Aufenthaltsqualität zu erhöhen.

Frankfurts Staßen und Plätze der Innenstadt haben hier einiges nachzuholen. Die Stadt Lyon lehrt sehr gut Einsichten und Erkenntnisse, wie die soziale und kulturelle Akzeptanz einer Stadt wächst, wenn die Plätze gepflegt werden und das kulturelle Ambiente einer Stadt der Öffentlichkeit vermitteln.

Die leichte Orientierung in der Stadt, kurze Wege zu den öffentlichen Verkehrsnetzen, Verweilmöglichkeiten, Übersichtlichkeit, eine vielfältige gemischte Nutzung fördern die Interaktion der Stadtbewohner und schaffen die Qualität der Großstadt.

Was ist los mit dem öffentlichen Raum?

Öffentlicher Raum als Bühne

Überlegungen im Rahmen des Seminars "Platz da!"

Es zeigte sich, dass der öffentliche Raum zwar Schauplatz verschiedenster Geschehen, Handlungen und Tätigkeiten, Bühne für eine Reihe von Akteuren und Austragungsort von Nutzungskonflikten ist, aber selbst nur in den seltensten Fällen und wenn, dann bei Missständen, das Thema ist.

Wirkt der öffentliche Raum so subtil, dass er von der Allgemeinheit gar nicht bewusst wahrgenommen wird?

Wir sind der Meinung, es handelt sich bei ihm um eine Bühne, auf der Akteure agieren und Geschehnisse ihren Platz finden, die durch ihn gefördert, ermöglicht oder limitiert werden. Zuschauer und Darsteller folgen hauptsächlich der Handlung, der Raum selbst wird nur in wenigen Fällen zum Gegenstand der Betrachtung, seine Wirkung auf Handlungen und Empfindungen wird eher unterbewusst wahrgenommen.

Trotz Internet ist der öffentliche Raum immer noch ein Phänomen, in dem auch weiterhin gesellschaftliche Trends entstehen, zwischenmenschliche Beziehungen unterhalten werden, kommuniziert und Politik gemacht wird.

Öffentlichen Raum als Bühne - Plädoyer für eine Plattform der aktiven Zivilgesellschaft

Quelle

Der Begriff "öffentlicher Raum" hat zwei primäre Bedeutungen: Einerseits meint er konkrete, räumlich abgrenzbare Gebiete, in denen sich Öffentlichkeit abspielt, weil sie allgemein zugänglich sind (oder aber doch zumindest für größere Gruppen; es wird dann eher von halböffentlichen Räumen gesprochen), andererseits die Gesamtheit des Öffentlichen, also die Sphäre der Öffentlichkeit, in der sich das öffentliche Leben abspielt.

Der räumlich definierte öffentliche Raum gewinnt für westliche Gesellschaften mit dem 19. Jahrhundert und den damals stattfindenden gesellschaftlichen Umwälzungen enorm an Bedeutung, wobei das neue Verständnis des öffentlichen Raums nicht Ursache, sondern Folge der Entwicklung ist.

Dieser Bedeutungswandel zeichnet sich schon mit den mittelalterlichen europäischen Städten ab, in denen erstmals ein Bürgertum entsteht, das anders lebt als die zeitgleich existierenden Lebensformen des Adels, des Klerus und des ländlichen Bauerntums.

Die Familien dieses Bürgertums werden kleiner, Frauen wird der Haushalt zugewiesen, während die "Arbeit" zur Männersache erklärt wird.
Möglich wird damit auch die räumliche Trennung des Haushalts und des Betriebs, wenn auch meistens noch so, dass durchaus beide im gleichen Haus sind.
Dennoch führt die Notwendigkeit des Austauschs von Gütern zur Entstehung eines öffentlichen Raums im heutigen Sinn, in Form von Märkten in Städten, die ja Grundlage dieser neuen kapitalistischen Wirtschaftsform sind, und auch von Handels- und allenfalls Arbeitswegen.

Stärkere Bedeutung erlangt diese Entwicklung im 19. Jahrhundert in Europa mit der Industrialisierung: Erstmals sind große Teile der Bevölkerung nicht mehr in der Landwirtschaft tätig, sondern strömen geradezu in die Städte, in denen sich die neuen Arbeitsplätze anfangs fast ausschließlich befinden.
Die enorme Steigerung des Zeitaufwands für die Arbeit im 19. Jahrhundert führt zu einer starken Differenzierung: Arbeit und Freizeit werden erstmals als unabhängige Zeitbereiche erfahrbar; der Haushalt wird definitiv von der Arbeitswelt getrennt. Kinder arbeiten vor allem in der Frühphase ebenfalls in der Industrie mit, später, nach gesetzlichen Regelungen, besuchen sie erstmals obligatorisch Schulen.
Das Leben wird also sehr viel stärker als in frühern Jahrhunderten in Teilbereiche gegliedert, die nicht mehr so eng zusammenhängen und auch nicht mehr als Einheit empfunden werden können.
Das heißt aber auch: Es entstehen Freiräume gegenüber früher. War früher die soziale Kontrolle durch die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der ländlichen Großfamilie und darüber hinaus durch die kleine dörfliche Gemeinschaft gegeben, so fällt diese Kontrolle in den schnell wachsenden Städten weg.
"Stadtluft macht frei" ist eine Aussage aus dieser Zeit: Hier gibt es kaum Nachbarn, die sich darum kümmern, wer wann was und wie tut, es wird auch weniger sanktioniert, wenn jemand sich nicht an ungeschriebene Regeln hält, sondern das viel beklagte Wegschauen ist einfacher, weil man sich nicht persönlich kennt.
Das kann sehr wohl als Freiheit gegenüber dem Land verstanden werden, kann aber auch zu erheblichen Problemen führen. Es folgen ein Ausbau des fixierten Rechts in Gesetzesbüchern sowie Sanktionen und dadurch eine Demokratisierung der Gesellschaft.
Die soziale Kontrolle des bäuerlich-ländlichen Lebens wird durch sozialstaatliche Maßnahmen ersetzt.
Die Kleinfamilie wurde von der bürgerlichen Politik stark gefördert gegenüber der andern Möglichkeit, der gemeinsame Sphäre, städtischer Großhaushalte, die als gefährlich angesehen wurde, weil sie als Hort der Sozialdemokratie galt.
Also musste die geförderte Kleinfamilie mit ihrer strikten Arbeitsteilung anderweitig gesichert werden, gerade weil die Gefahr, in den Städten zu verarmen, groß war, weil viele Leute vom Land in die Städte wanderten in der Hoffnung, dort ein Auskommen zu finden - ein Phänomen, das in weniger entwickelten Staaten auch heute noch zu beobachten ist.

Welche Konsequenzen hat das nun für den öffentlichen Raum als räumlich relativ klar definiertes Konzept?

Dieser öffentliche Raum wird zum Raum, in dem die staatliche Sozialkontrolle am besten ansetzen kann, nachdem die soziale Kontrolle in der bäuerlichen Lebens- und Arbeitseinheit verloren gegangen ist.

Im öffentlichen Raum manifestiert sich das neue öffentliche Leben der urbanen Gesellschaftsschicht, und tatsächlich ist diese Art öffentlichen Raums ein städtisches Phänomen, das auf dem Land erst seit dem Zweiten Weltkrieg stärker auftritt, nämlich im Zusammenhang mit der Verstädterung des Landes, insbesondere stadtnaher Gebiete, die viele Leute anziehen, die in den Städten arbeiten, aber im Grünen leben wollen. In diesen Gebieten verliert sich die traditionelle soziale Kontrolle ebenfalls und es entsteht eigentlich ein städtisches Leben auf dem Land.
Gleichzeitig wird der öffentliche Raum von Angehörigen dieser urbanen Gesellschaftsschicht auch gebraucht, um die durch die strikte Zeitteilung entstehende Freizeit zu nutzen; Parks als eine frühe neue Form des öffentlichen Stadtraums zeigen das deutlich, und sie gehören zu den ersten neuen Einrichtungen der Städte im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum erstmals Öffentlichkeit zu fordern beginnt.

Ambivalent ist das Verhältnis der Obrigkeit zum Aufenthalt der Bevölkerung im öffentlichen Raum: Einerseits sind die Leute hier einigermaßen kontrollierbar und über Regelungen auch steuerbar; andererseits weiß die Bevölkerung aber auch um das Potenzial öffentlicher Räume zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse und es besteht also die Gefahr von politischen und sozialen Unruhen im Öffentlichen Raum.

Das Verbot von Massierungen im Öffentlichen Raum gehört zu autoritären Regierungsformen, weil Straßen und Plätzen als genuin öffentliche Räume allgemeine und uneingeschränkte Zugänglichkeit besitzen und damit ein kostengünstiges Mittel der politischen Beteiligung sind.
Tatsächlich wird der öffentliche Raum seit der Industrialisierung viel stärker genutzt bzw. hat seine heutige Bedeutung erst durch sie bekommen; heute dient er als Erholungsraum ebenso wie als Raum für das Geschäft, für den Transport von Gütern, und, mit der Trennung von Wohn- und Arbeitsraum durch die Industrialisierung, auch der Bevölkerung selber, aber wie erwähnt auch als Raum, in dem Ansprüche erhoben werden können. Es liegt daher auf der Hand, dass von den Obrigkeiten versucht wird, die Entwicklung des öffentlichen Raums zu steuern und etwa über die räumliche Gestaltung zu versuchen, bestimmte Nutzungen des Raums zu ermöglichen, andere zu verhindern.
In ihm findet letztlich das öffentlich Leben zu einem guten Teil statt, und in ihm ist es auch leichter kontrollierbar.

Heute gibt es öffentlichen Raum im genannten Sinn natürlich auch in ländlichen Gebieten; welche Gemeinde hätte heute nicht zumindest ihren Fußball- und Kinderspielplatz. Das besondere an städtischen öffentlichen Räumen ist dabei, dass sie nicht nur von der städtischen Bevölkerung, sondern auch von der ländlichen genutzt werden: Die Einkaufsstraßen sind Anziehungspunkte auch für die Bevölkerung des Umlands einer Stadt und sind für die Stadt wirtschaftlich bedeutsam; Plätze wie der Wiener Heldenplatz werden politisch genutzt, und an Kundgebungen nehmen nicht nur Stadtbewohnerinnen und -bewohner teil.
Das besondere an europäischen Städten ist ihre Bevölkerungszusammensetzung, die nicht der Durchschnittsbevölkerung entspricht.
Die Stadtgesellschaft zieht sich infolge der Entwicklung des öffentlichen Raums, der noch in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts im allgemeinen Fortschrittglauben in erster Linie als Verkehrsraum gesehen und entsprechend ge- und verplant wurde, oft stark zurück in ihre Wohnungen, wo die soziale Kontrolle noch geringer ist als im öffentlichen Raum, in dem staatliche Maßnahmen noch eher greifen.
In diesem Zusammenhang wird Tendenz beim Thema Prostitution deutlich: Weil sie auf der Straße nicht geduldet wurde, zog sie sich in Bordelle und Massagesalons zurück, wo sie aber auch nur beschränkt kontrollierbar ist.

Ein weiteres Problem des Öffentlichen Raums ist die starke Entflechtung; so werden Räume oft monofunktional verstanden und entsprechend gestaltet, auch im Glauben, so die obrigkeitliche Kontrolle zu erhöhen, ohne dabei zu bedenken, dass diese Entwicklung zu einem Ausweichen der Betroffenen führen muss.
Eine Straße ist aber in den seltensten Fällen nur Verkehrsweg, sondern meistens auch noch Einkaufsort, Wohnort, Versammlungs- und schlicht Lebensraum.

Dabei ist festzustellen, dass monofunktionale Stadtteile Unsicherheit fördern. Die allgemeine Nutzbarkeit Öffentlicher Räume ist aber nicht uneingeschränkt, sondern von verschiedenen Bedingungen abhängig.
So steht die Nutzung uneingeschränkt nur Männern offen; ebenso gibt es Nutzungsbeschränkungen je Schicht und Klasse.
Die Raumzuschreibungen selber führen daher oft auch zu Problemen - der neuerliche Verlust des Öffentlichen Raums nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere durch den stark gestiegenen Verkehr bei gleichzeitig zurückbleibendem Bedürfnis nach Freiräumen (anders als vorindustriellen Zeit, als die Gesellschaft und die Bedürfnisse ihrer Mitglieder noch nicht so ausdifferenziert waren) ausgeglichen wird durch den allgemein gestiegenen Wohlstand, also durch eine Zunahme der subjektiven Kultur insbesondere in Form einer Vergrößerung des privaten Territoriums "Wohnung".

Der Öffentliche Raum in Städten ist heute also gekennzeichnet durch eine noch nicht immer wahrgenommene Multifunktionalität, der verstärkt Rechnung getragen werden muss.

Auch der Soziologe Simmel schlägt vor, Raumformen danach zu untersuchen, ob sie verschiedene Formen der Interaktionen erlauben, eine Frage für den zweiten Teil der Arbeit.

Auf diesen urbanen Strassen und städtischen Plätzen spielt sich ein großer Teil des Öffentlichen Lebens ab, und das soll auch so sein, wenn ein Äquivalent für die verloren gegangene soziale Kontrolle der vorindustriellen Epoche wünschenswert scheint.
Das heißt, dass der öffentliche Raum benutzerfreundlich gestaltet werden muss, und zwar nicht nur aus primär wirtschaftlichen Überlegungen. Er muss Freiraum bleiben für moderne Menschen, egal ob aus der Stadt selber oder aus dem Umland, und er darf nicht monofunktional weiter zerstückelt werden.

Oder, wie es Loidl-Reisch ausdrückt: Freiraumgestaltung ist heute gleich Stadtgestaltung, Wohnumfeldverbesserung, Verkehrsplanung und Vorsorge für ausreichende Freizeit- und Erholungsgebiete.

Vorlesung Städtebau I

Prof. Alex Wall SS 1999 Hagen Friese

Diese 3 Thesen zum Städtebau entstanden im Rahmen der Vorlesung ´Städtebau I: Die Zeitgenössische Stadt´ von Prof. Alex Wall, Institut ORL, Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen im Sommersemester 1999 an der Universität Kalrsruhe.

  1. ´Weak Urbanism - Schwächen mit Zukunft` Simon Hubacher
  2. „Eine zweckentfremdete Stadt ist eine ..., die den Zweck aufgegeben hat, eine auf Zukunft ausgerichtete Stadtkultur zu produzieren“ Andreas Feldtkeller
  3. "For the world of our own making has become so complicated, that we must turn to the world of the born to understand how to manage it" Kevin Kelly

These 1:

´Weak Urbanism - Schwächen mit Zukunft` Simon Hubacher
Simon Hubacher plädiert für einen ´Weak Urbanism´, also für "schwache" Planungsprozesse angesichts eines durch überambitionierte Territorialplanung totgeplanten Siedlungsbreies. Am Beispiel Kranenburgs, einer kleinen Gemeinde in der Grenzregion zwischen Deutschland und den Niederlanden wird das Versagen der traditionellen Stadtplanung analysiert. Nach Ansicht Hubachers trägt die gängige Planungspraxis nicht der heutigen urbanen Lebenswelt Rechnung, die von Suburbanisierung, Strukturwandel, Heterogenität und regionale Vernetzung geprägt ist. Es gelte, diese qualitätslose beliebige Stadtlandschaft als grenzübergreifendes Problemfeld zu begreifen (vor allem regional) und über etablierte Territorialzuständigkeiten hinaus als Lern- und Experimentierfeld zu nutzen.
Die Modernisierungsversprechen traditioneller Planungsmethoden (Bauleitplanung) erzeugen ihrerseits neuen Planungsbedarf. Als Ursache für diesen Planungsteufelskreis sieht Hubacher die Auffassung von Planung als einen dialektischen Prozeß, also einem Prozeß des ständigen Verbesserns hin zu immer neuen Endzuständen. In Analogie zu Gianni Vattimos Begriff des ´Schwachen Subjekts´ entwickelt Hubacher das Konzept eines ´Weak Urbanism´, mit dem eine ergebnis-offene, prozessorientierte Entwicklungssteuerung gemeint ist. Gegenstand dieser Entwicklungssteuerung ist nicht ein zu erreichender Planzustand, sondern der langfristige urbane Gestalt- und Strukturwandel.

Mittel und Wege des ´Weak Urbanism´ können sowohl planungsbegleitende Verfahren oder Impulsprogramme sein. Als Beispiel für eine solche neue Planungskultur nennt Hubacher das Projekt “Stadtlandschaft Rheinland" , bei dem mit Workshops, ´Runden Tischen´, identitätsstiftenden Leitbildern, Beirtschaftungsszenarien und schwachen Verortungsstrategien gearbeitet wird.

These 2:

„Eine zweckentfremdete Stadt ist eine ..., die den Zweck aufgegeben hat, eine auf Zukunft ausgerichtete Stadtkultur zu produzieren“ Andreas Feldtkeller
Andreas Feldtkeller ist seit 1972 Leiter des Stadtsanierungsamtes Tübingen. In seinem 1994 erschienen Buch „Die zweckentfremdete Stadt“ formuliert Feldtkeller die Diagnose über die Zerstörung des öffentlichen Raums. Nach Ansicht Feldtkellers dominieren in der heutigen Stadtbaupolitik die privaten Interessen über den kollektiven Interessen, was sich in der stetig fortschreitenden Zweckentfremdung, Kommerzialisierung und Privatisierung von bisher öffentlichem Raum ausdrückt. An die Stelle der schwindenden Urbanität tritt die Simulation von Urbanität durch Kulissen mit Stadtambiente a la Disneyland, Fußgängerzonen, Passagen, Plaza etc.. Zentrale Frage des Buches ist die ´Zweckentfremdung´ der Stadt womit der Trend zur Segregation bzw. Entmischung von bisher in einem Quartier vereinten Tätigkeitsbereichen gemeint ist. So wurden in der Folge der ´Charta von Athen´ zunehmend Arbeiten und Wohnen voneinander separiert. Außerdem fand eine Abkehr des privaten Wohnraums vom öffentlichen Raum zugunsten freistehender Villas statt. Die Ästhetisierung und Isolierung besonderer Funktionen ausgesuchter sozialer Gruppen führte schließlich zu einer Monotonie der Nutzungen (Schlafvorstädte), was Kriminalität- und Verkehrsprobleme nach-sich zog. Seitdem das Privathaus der öffentlichen Sphäre den Rücken zukehrt, wurde die Straße „... mehr und mehr ... dem Verkehr überlassen“.
Mit der Auflösung der urbanen Städte geht die Auflösung der urbanen Gesellschaft einher. Die soziale Rolle des Stadtbewohners im öffentlichen Raum wandelt sich vom ´Bürger´ zum verletzlichen Privatmann. Die Verlagerung des Öffentlichen Raums in die neuen Medien führt zu einer Reduktion von sozialen Kontakten, einem Verlernen der Regeln des Zusammenlebens und letztlich zur Vereinsamung vermutet Feldtkeller.

Was aber ist ´Urbanität´, die Feldtkeller bedroht sieht? Urbanität ist für ihn vor allem das Vorhandensein von Komplexität, Heterogenität, Pluralität und Toleranz, kurz gesagt das Beieinandersein allergrößter Verschiedenheiten auf kleinstmöglichem Raum. Als bauliche Rezepte zur Erzeugung von Urbanität in einem Quartier empfiehlt Feldtkeller Kleinräumigkeit, flexible Nutzungsmischung, hohe Dichte, funktional neutrale öffentliche Räume, soziale und ethnische Mischung, Nebeneinander von privater und öffentlicher Sphäre.

phrase 3:

"For the world of our own making has become so complicated, that we must turn to the world of the born to understand how to manage it", Kevin Kelly
Future historians may regard the twentieth century as the century of control: from the beginning we have been seeking more control over everything, learning how control systems work and how they might be applied in all situations. The main problem with the design of large control-systems is that they easily become unstable and brittle as can be observed for example with urban systems. The larger the system growths, the more brittle and unstable it becomes. In his Book ´Out of Control´ Kevin Kelly proposes as a solution to let go. Instead of trying to understand and to control the entire system and build it as a whole, let it start as simple units and grow itself into a whole. Learning from ant colonies and bee hives instead of learning from Las Vegas is his motto.
Living systems may be organically based and encompass life and biology as we know it, or they may be inorganic. Networks and connections are essential to vivisystems, whether they are biological or mechanical. Just as animals are connected in food chains to complete an ecosystem, computer networks have computers and files connected to create a system. In these networked vivisystems control and predictability are sacrificed for flexibility, robustness and decentralization. One small subunit on its own can do nothing of significance, but combined with other subunits doing different actions they collectively accomplish something of importance. There is no central control but rather decentralized control grows out of networked lateral organizations. It flows from the bottom up. Higher levels become dependent on independent lower levels. Once a simple system that already works is in place, complexity can be grown. As complexity grows systems exhibit new and emergent behaviors (extropy).

These rules of vivisystems may serve to give a better understanding and handling of complex urban systems and to develop new planning-methology.

some aphorisms:

"As computers become assistants, toasters become pets."

"IBM and E. Coli both see the world in the same way."

"A system is anything that talks to itself"

Quellen / literature:

  • Vortrag ´Weak Urbanism´ von Simon Hubacher, 18.5.99, Universität Karlsruhe, Vorlesungsreihe ´Die Zeitgenössische Stadt´, organisiert vom Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen, Prof. Alex Wall
  • Artikel ´Weak Urbanism - Schwäche(n) mit Zukunft` von Simon Hubacher, Daidalos July 1999, Seite 10
  • Buch „Die Zweckentfremdete Stadt-Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums“, Andreas Feldtkeller, Campus Verlag, Frankfurt 1994
  • Book: “Out of Control : The New Biology of Machines, Social Systems and the Economic World“, Kevin Kelly, May 1995

Jochem Schneider
Offene Räume - eine Einführung












































































Baukultur

Bauen und Planen ist ein kultureller Akt - das vergißt man in Zeiten immer schnellerer stadträumlicher Verschiebungen leicht. Zunehmende ökonomische Bestimmtheit, immer komplexere Produktions- und Fertigungsabläufe und für Außenstehende oftmals undurchsichtige politische Entscheidungskriterien führen zu einer zunehmenden Verselbständigung der räumlichen Entwicklungsprozesse. Die Gemeinschaft verabschiedet sich von der Verantwortung und delegiert das Bauen - gewollt oder ungewollt - an ausgesuchte Spezialisten und Fachleute - nicht ohne sich danach um so heftiger über diesen Zustand zu beklagen. Denn: Bauen und Planen bestimmt wie kaum ein anderer Bereich unser tägliches Leben - den Raum, in dem wir leben.

Die Region

Immer öfter betrachten wir die Stadt nicht mehr als einen klar umrissenen Punkt, sondern vielmehr als sich stetig verändernde Fläche. Zentrum und Peripherie sind nicht mehr eindeutig bestimmbar, die aktuellen Tatsachen widersprechen dem überlieferten Bild eines dichten, urbanen Zentrums und einer weiten, ländlichen Peripherie. Heute verdichten sich die Ränder, das eigentliche Wachstum findet sich dort, während die historischen Stadtkerne zunehmend ‘entdichtet’ werden. Mitten im Zentrum entstehen überraschende Leerstellen, während man draußen von einer ‘Neuen Urbanität’ spricht. Großprojekte wie Flughafen, Messe, Möbelhäuser, Musical Hall, etc. stehen für diese Entwicklung genauso wie unzählige Gewerbegebiete und Einfamilienhausbänder. Leerstehende Fabrikgelände, ebenso wie ungenutzte Büroetagen und verlassene Kasernen gehören heute zum Bild der Stadt. Die Kernstadt auf der Suche nach neuen Zentrumsfunktionen ‘drinnen’ ist Folge dieses Zustandes, sich ausdehnende Siedlungsstrukturen ‘draußen’ machen bisherige Grenzen obsolet. Neue Verwaltungseinheiten reagieren auf veränderte Organisationsanforderungen und schaffen neue Gemeinschaften für Menschen, die dennoch in ihrem Selbstverständnis in ‘ihrem Dorf’ verwurzelt bleiben.

In der Region Stuttgart zeigen sich Phänomene einer flächigen Entwicklung des Siedelns und Wirtschaftens in aller Deutlichkeit - die alte feingliedrige Dorfstruktur hat sich als hervorragende Grundlage für eine diversifizierte, dezentrale Wachstumsentwicklung erwiesen, neue städtische Funktionen haben sich eingelagert und an die bestehenden Räume adaptiert. Sie geben diesen neue Bedeutungen und verändern so die gesamte räumliche Struktur der Agglomeration.

Mit dieser Entwicklung entstehen immer wieder andere Freiräume - die Stadt, der Raum, der uns umgibt, verändert sich ständig.

Raum = HxBxT

Wir sind gewohnt, Räume über ihre Größe, ihre Abmessungen zu beschreiben: Der Platz ist so breit, das Haus ist so hoch, das Zimmer ist so tief. Diese Beschreibung erscheint praktikabel, weil beständig. Dennoch verändern die Räume ihre Bedeutung: Während die Hülle gleich bleibt, verschiebt sich der Inhalt. Dort wo gestern noch produziert wurde, wird heute residiert; dort, wo früher der Verkehr rollte, fahren jetzt Skateboards; was als Marktplatz geplant war, ist nun Parkplatz.

Konversion ist das Gebot der Stunde, Umnutzungen machen auch vor öffentlichem Raum nicht Halt. Die Phantasie der Aneignung scheint unerschöpflich.

Die Fähigkeit, diese Adaption in den Planungsablauf einzubinden, beinhaltet eine verstärkte Auseinandersetzung über die kulturelle Dimension dieser Vorgänge und Entscheidungen. Eine darauf angelegte Strategiediskussion wird in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle für die stadträumlichen Entwicklung spielen.

Aktuelle Planungsüberlegungen versuchen daher nutzungsoffene Räume anzubieten. Durch handlungsorientierte Ansätze sollen Flächen von einer definierten Belegungszuweisung befreit und als mehrfachnutzbare und -lesbare Orte vorgestellt werden. Begrifflichkeiten wie ‘Parasitäre Nutzung’ und ‘Hybridstrukturen’ beschreiben diese Planungsansätze.

Offene Räume

Die Qualität eines Raumes ergibt sich aus der Interaktion mit dem Nutzer, Freiraum ist nicht allein durch seine Form geprägt, sondern definiert sich in seiner Funktion als Handlungsplattform. ‘Gut’ oder ‘schlecht’, ‘schön’ oder ‘häßlich’ beschreibt Möglichkeiten einer Inbesitznahme. Das gestalterische und planerische Augenmerk verschiebt sich vom Entwurf einer objekthaften Form auf die Bereitstellung von Aktivitätszonen, von der Repräsentation auf die Präsentation.

Diese Überlegungen lassen sich mit folgenden Beispielen illustrieren:

In Ermangelung einer Felswand nutzen Freeclimber Brückenpfeiler. Selbst stark monofunktional bestimmte Elemente wie die Stützen eines Verkehrsbauwerks können somit ‘offene Räume’ formulieren. Die Wandelbarkeit dieser Raumteile öffnet sie für veränderte Nutzungsgewohnheiten, genauso wie umgekehrt neue Bedürfnisse die Vielfältigkeit dieser Elemente immer wieder neu entdecken. In einer scheinbar funktionswidrigen Aneignung verändern sie Stadtraum, ein Restraum öffnet sich einer städtischen Freizeitkultur.

Was hier im Kleinen deutlich wird, zeigt sich in weitaus größerem Maßstab beispielsweise im Rahmen von Konversionsdebatten für stillgelegte Industrie- und Kasernenarealen oder im Verständnis der ‘Zwischen-Landschaft’ im regionalen Kontext, wie etwa beim Landschaftspark Mittlerer Neckar.

Der Ort

Alle Ansätze suchen aus einer Interpretation des Vorhandenen Freiräume für neue Nutzungspotentiale zu entwickeln.

Wir sind heute mit einer Vielzahl von Orten konfrontiert, deren Nutzung festgeschrieben scheint: Verkehrskreuzungen, Industrieareale, Parkplätze - bis hin zu landschaftsprägenden Elementen wie Flüssen, Straßen und Eisenbahntrassen. Alle scheinen klar definiert und bekannt. Sie sind die Kinder und Enkel einer auf Monofunktionalität und Eindeutigkeit ausgerichteten Planungsphilosophie im Zwanzigsten Jahrhundert.

Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz.

Was würde passieren, wenn wir sie einmal anders beleuchten, wenn wir sie bewußt ‘öffnen’? Wenn wir uns auf Grundlage ihrer Geschichte aufs Neue mit ihnen befassen und ihre Potentiale ausloten?

Subjekt und Milieu

Indem Orte auf ihre Qualitäten als mögliche Aktivitätsräume untersucht werden, richtet sich der Blick auf die Nutzungsbedürfnisse einzelner Milieus. Dem abstrakten räumlichen ‘Repräsentationsmodell Platz’ steht ein handlungsorientiertes ‘Interaktionsmodell Platz’ vis-a-vis, das es heute zu stärken gilt. Damit ist eine kulturelle Dimension über Ansätze und Ziele von Planung unabdingbar: Welche Rituale und Aktivitäten brauchen welchen Raum? Statt über das Phänomen der ‘Masse’ als abstrakter Planungsgröße Stadträume zu definieren, wird bei dieser Betrachtung das Subjekt und sein dazugehöriges Milieu stärker in den Mittelpunkt gestellt.

Strukturelle Offenheit

Die angestrebte Offenheit handlungsorientierter Ansätze setzt sich ab von einer heute ohnehin nicht mehr erreichbaren Eindeutigkeit einer Planung, die sich immer noch als linearer Prozeß versteht. Mit mehrdeutigen Strukturen werden Möglichkeiten einer freien Interpretation geschaffen, Form ist weniger vorschreibend als anbietend. Relative Unbestimmtheit und Mehrfachlesbarkeit sind Stichworte einer Planungsphilosophie, in der der Ort als Möglichkeitsfeld verstanden wird, das als Träger kommunikativer Strukturen erlebbar ist.

Bewußt orientieren sich diese Überlegungen nicht an einem anstrebenswerten finalen Zustand, der mit einer Planung erreicht werden soll, sondern sie suchen vielmehr die Freiräume in einem spielerischen Umgang im Unvollendeten und Partiellen.

Der Raum ist in Bewegung.

Ein Platz ist eine Kreuzung ist ein Markt ist ein Sportplatz ist..........

Colin Rowe & Fred Koetter, 1978
Die Stadt als Gerüst

aus: Collage City. Cambridge, 1978

 

 

»Der Bastler - die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zu Hand ist, auszukommen,...«

"Im übrigen hält sich bei uns eine Form der Tätigkeit", sagt Claude Lévi-Strauss, "die es uns auf technischem Gebiet sehr wohl ermöglicht, das zu begreifen, was auf dem Gebiet der Spekulation einmal eine Wissenschaft sein konnte, die wir lieber eine ‘erste’ als eine primitive nennen wollen: die Tätigkeit nämlich, die mit dem Ausdruck bricolage (Bastelei) bezeichnet wird." 1 Er analysiert dann ausführlich die Ziele der Bricolage und der Wissenschaft, die entsprechenden Rollen des Bricoleurs und des Ingenieurs. "In seinem ursprünglichen Sinn Iäßt sich das Verbum bricoler auf Billard und Ballspiel, auf Jagd und Reiten anwenden, aber immer, um eine nicht vorgezeichnete Bewegung zu betonen: die des Balles, der zurückspringt, des Hundes, der Umwege macht, des Pferdes, das von der geraden Bahn abweicht, um einem Hindernis aus dem Weg zu gehen. Heutzutage ist der Bastler jener Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind."2

[...]

"Der Bastler ist in der Lage, eine große Anzahl verschiedenartigster Arbeiten auszuführen; doch im Unterschied zum Ingenieur macht er seine Arbeiten nicht davon abhängig, ob ihm die Rohstoffe oder Werkzeuge erreichbar sind, die je nach Projekt geplant oder beschafft werden müßten; die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zu Hand ist, auszukommen, d. h. mit einer stets begrenzten Auswahl an Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre Zusammensetzung in keinem Zusammenhang zu dem augenblicklichen Projekt steht, wie überhaupt zu keinem besonderen Projekt, sondern das zufällige Ergebnis aller sich bietenden Gelegenheiten ist, den Vorrat zu erneuern oder zu bereichern oder ihn mit den Überbleibseln von früheren Konstruktionen oder Destruktionen zu versorgen. Die Mittel des Bastlers sind also nicht im Hinblick auf ein Projekt bestimmbar (was übrigens, wie beim Ingenieur, ebenso viele Werkzeugeinheiten wie Arten von Projekten voraussetzen würde, zumindest theoretisch); sie lassen sich nur durch ihren Werkzeugcharakter bestimmen ... weil die Elemente nach dem Prinzip ‘das kann man immer noch brauchen’ gesammelt und aufgehoben werden. Solche Elemente sind also nur zur Hälfte zweckbestimmt; zwar genügend, daß der Bastler nicht die Ausrüstung und das Wissen aller Berufszweige nötig hat; jedoch nicht so sehr, daß jedes Element an einen genauen und fest umrissenen Gebrauch gebunden wäre. Jedes Element stellt eine Gesamtheit von konkreten und zugleich möglichen Beziehungen dar; sie sind Werkzeuge, aber verwendbar für beliebige Arbeiten innerhalb eines Typus."3

[...]

Wenn wir bereit sind, die Methoden der Wissenschaft und der Bricolage als gleichzeitig nebeneinander bestehende Bestrebungen zu sehen, wenn wir gewillt sind, anzuerkennen, daß beides Arten sind, sich Problemen anzunehmen, wenn wir gewillt sind (und das kann schwerfallen), zuzugeben, daß das ‘zivilisierte’ Denken (mit seiner Voraussetzung logischer Folgerichtigkeit) und das ‘wilde’ Denken (mit seinen Analogiesprüngen) gleichwertig sind, wäre es vielleicht sogar möglich, anzunehmen, daß einer wirklich brauchbaren künftigen Dialektik der Weg bereitet werden könnte, wenn wir der Bricolage neben der Wissenschaft wieder ihren Platz einräumen.

Eine wirklich brauchbare Dialektik? Wir denken einfach an den Konflikt widerstreitender Kräfte, an den beinahe grundlegenden Konflikt genau festgelegter Interessen, an das berechtigte Mißtrauen den Interessen anderer gegenüber, aus denen der demokratische Prozeß - so wie wir ihn kennen - hervorgeht; und was daraus folgt ist dann banal: Wenn es so ist, wenn Demokratie eine Verbindung von liberalistischem Enthusiasmus und legalistischem Zweifel ist und wenn sie dem Wesen nach ein Zusammenprallen verschiedener Auffassungen und als das akzeptabel ist, warum dann nicht zugeben, daß eine Theorie widerstreitender Kräfte (die alle bekannt sind) wahrscheinlich eine idealere und umfassendere Stadt des Geistes hervorbringen wird als alle Theorien, die bisher erfunden worden sind.

 

Anmerkungen

1 Claude Lévi-Strauss: Das Wilde Denken, Suhrkamp Wissenschaft, Bd. 14, Frankfurt a. M. 1973, S.29. Original: La Pensée Sauvage, Paris 1961.

2 Ebenda, S.29.

3 Ebenda, S.30-31

DOORS OF PERCEPTION 4 'SPEED'

Amsterdam, 7 & 8 November 1996

(Version 24 May 1996)

The theme of the fourth Doors of Perception conference is 'speed'. By
design or not, we now live in a world dominated by speed - from the TGV to
CNN. Speed defines our products, our environments, our way of life, and our
imaginations. But is faster always better, or is there a social and
environmental price to be paid for a constant acceleration of production,
information, and daily life? And - crucially - does the value we place on
speed prevent us from living more lightly on the planet?

The Doors of Perception conferences look at multimedia and the information
superhighway from a distinct perspective. We say, 'yes, this stuff is
amazing - but what is it for?' This year's meeting explores that question
in the context of 'speed'.

Speed is embedded in our culture. It drives the design of artefacts,
systems, and environments. In computing, transportation, or work, this is
obvious; in entertainment, education or health, non-stop acceleration is
less visible. But what about the future? Is it time to build 'selective
slowness' into the design of our lives? Might a combination of ultra-fast
information, and slowed-down movement, be a sound strategy for sustainable
designs?

This document outlines the conference programme: its main themes; speakers
confirmed so far; desired outcomes. Updates will be posted on our website,
and a final programme will be published in September. There are only 840
seats: you really do need to register early to guarantee a place.

Session 1
Speed made visible: the cultural power of acceleration

We live at ever-higher speeds. In modern technological culture, speed has
been internalised as an end-in-itself; our designed world further
reinforces the value we place on speed. In the first session, critics
analyse the cultural power of acceleration; designers and artists use new
media to make it visible. Speakers include Stephen Kern, author of The
Culture of Time and Space 1880-1918; he describes how speed emerged as a
driving force of 20th century life, an icon of modernity. Rick Prelinger
will delve into his famous archive of early cinema and tv advertising to
illustrate our preoccupation with ever-faster speed, how it changed work
and business, our sense of time and place, our relationship to nature, the
creative process. Danny Hillis, an expert on super-fast computing, who now
works for Disney, explores the paradox that 'the more computers know, the
slower they get, whereas the human mind has the opposite property'. Reuters
will present state-of-the-art financial information systems and map out
future network scenarios.
A presentation by acclaimed media artist Toshio Iwai will be followed by a
discussion of our obsessions with speed by a panel including designer Benno
Premsela, and political economist Susan George.

Session 2
Why speed matters: ecology and sustainability

Speed drives a way of life in which we produce and consume at an increasing
pace. What if a desire for constant acceleration runs up against the
carrying capacity of the planet? Are we stuck in the fast lane of resource
depletion? Should we - can we? - continue to design with speed in mind,
asks Wolfgang Sachs from the Wuppertal Institute, the environmental
think-tank, and co-author of the widely acclaimed Sustainable Germany.
Professor Juliet Schor, author of the forthcoming Beyond Consumption, looks
at the speeding up of life and its social and economic impact. Geographer
and transport critic John Adams looks at the cultural drivers of mass
mobility. And finally in this session a panel explores interactions between
high-speed information and our experience of 'nature' and the man-made
environment.

Session 3
Changing speed: scenarios for selective slowness

Speed defines most of the artefacts and designed environments that surround
us. Fast cars, fast cities, fast networks. Can we change speeds? Peter
Sloterdijk, the leading German philosopher, has critically examined
'mobilisation' as a hallmark of progress and modernity.
Or will a new modernity be based on 'lightness'? Could selective slowness
be consistent with economic growth and modernity? And in the so-called
'South', although speed has not penetrated everything, similar debates
about speed take place. Designer Jogi Panghaal leads a discussion on the
role of information technology in development strategies for India.

Session 4
>From terrabits to terra firma: design for different speeds

We return to the central question in Doors of Perception: 'what are global
networks and multimedia for?'. This final high-density session features
design scenarios: what might it mean in practice to design with different
speeds in mind? What role can information technology and connectivity play
in 'light' products and environments? What would they look like, and how
would they behave? Ezio Manzini and Marco Susani (Domus Academy) introduce
scenarios about 'turning products into services - and experiences'.
Jacqueline Cramer, a professor of environmental techology and senior
adviser to Philips, looks at strategies for durability as an alternative to
products with ever-shorter life expectancies. 'Slow space', saturated with
information, will be discussed by architect and urban planner Rem Koolhaas
and landscape architect Adriaan Geuze. Telematic alternatives to air travel
will be introduced Professor Gillian Crampton Smith (Royal College of Art)
and Tadanori Nagasawa, a consultant to Japan Airlines. The fast circulation
of ideas and new information architectures will be considered by internet
designer Jessica Helfand, trend analyst Jan Wyllie, and evolutionary
biologist Tom Ray.

Further updates on the programme for the conference will be posted on our
website (whose webmaster is Kristi van Riet). The site also contains
proceedings of our earlier conferences, results of design workshops,
booklists, and other resources. (http://www.design-inst.nl/doors4)

Organisers
Doors of Perception is organised by the Netherlands Design Institute. The
programme for Doors of Perception 4 is developed by John Thackara (the
Institute's director) and Michiel Schwarz (Foundation 567). Doors of
Perception workshops are organised by Conny Bakker. The conference is
produced by Geke van Dijk; its press and media manager is Maarten Reesink
(both ACS-i).

The Netherlands Design Institute is an independent foundation whose core
funding comes from the Dutch Ministry of Education, Culture and Science.

Detroit City Seminar
Typologie: Skyscraper Stadt

der Uni-KL

In den USA gehören die Erfahrungen mit dem Skyscraper zum Alltag. Darin erklärt sich auch, daß hier die Kritik an diesem Bautyp besonders laut ist. Sie werden als "Produkte menschlicher Gier" (Claude Bragdon, 1932), "Maschinen zum Geldverdienen" (Arthur Drexler), "Raumhüllen für Immobilienmakler" ( Paul Goldberger), etc. bezeichnet. Die meisten sehen in dem Wolkenkratzer einen entscheidenden und "empörenden Eingriff auf die Stadtlandschaft" (HOHE HÄUSER, Verlag Gerd Hatje, Stuttgart, 1993).

Durch die Vielgeschossigkeit wird vor allem der Bezug zur Straße, als sozialer Lebensraum aufgegeben. Ein weiteres Problem das sich entwickelt ist die Überforderung des Fassungsvermögens der Straßen während der Rush-hour. Sie sind kaum in der Lage die Menschenmassen zu fassen. Des weiteren geben sie ihnen nur in geringem Maße "Einrichtungen wie Cafes, Apotheken und Drogerien, Läden und Bars, sowie Möglichkeiten, sich in Sonne und Luft zu erholen" (HOHE HÄUSER).

Geachtet dieser Probleme gab es schon mehrere Versuche einzelne Hochhäuser mit ihrer Umgebung zu verbinden. Aber die meisten dieser Projekte sind aufgrund zugiger Plazas, öder Betonplattformen oder oft verwahrloster Höfe fehlgeschlagen. Die Plätze waren meistens zu klein dimensioniert und wirkten wie punktuelle Kosmetik.

In amerikanischen Städten stehen die Wolkenkratzer oft sehr dicht aneinander. Die Amerikaner sprechen in diesem Zusammenhang von overbuilding. Bei einer so hohen Verdichtung ist ein Übergang von privatem zu öffentlichem Raum nicht mehr möglich.

Bereits mehrere Jahre zuvor hatte Louis Sullivan vor einem overbuilding gewarnt: "... Drängt man diese hohen Gebäude in enge Straßen und Gassen, dann wirken sie so, daß sie sich gegenseitig zerstören."

Lewis Mumford registrierte ganz unsentimental: "Der städtische Boden ist längst zur reinen Ware geworden, sein Marktwert wurde sein einziger Wert überhaupt."

Angesichts stetig steigender Grundstückspreise ist das Auftürmen von Stockwerken die letzte Konsequenz. Man kann also behaupten, daß sich dieser Bautypus aus kommerziellem Druck heraus entwickelt hat.

Ein weiterer Topos der Kritik ist das Verlorengehen des Menschheitsbezugs. Dies ist deutlich in Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" beschrieben: "Sie starrte feindseelig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen."

Es gibt aber auch anführbare Gründe für den Bau von Wolkenkratzern:

- Er kann einen Akzent in einem wenig strukturierten Gebiet setzen;

- Er kann Raum für einen öffentlichen Platz schaffen;

- Mit seiner Hilfe kann der Baudruck aus schutzwürdigen Stadtstrukturen abgezogen werden;

- Er kann Orientierungselement mit Fernwirkung darstellen;

- Eine Hochhausbebauung versiegelt weniger Boden, sichert kleinklimatisch wichtigen Baumbestand, verbraucht weniger Energie und kann die Rentabilität der öfflichen Verkehrsmittel erhöhen, sofern die Verkehrs- und Stadtplanung auf diese neue Gebäudetypologie in ihren Planungen Rücksicht nimmt.

Aus ökologischen, kulturellen und sozialen Gründen ist eine höhere Verdichtung der Städte gleichfalls wünschenswert. Bei der Planung und dem Bau von Hochhäusern sollte die Frage nach dem "OB" durch das neue Kriterium des "WIE" ersetzt werden. Man muß versuchen bei der Planung die oben genannten Kritikpunkte durch neue Gesataltungsprinzipien zu entkräften.

Hochhaus; eine soziale Falle?

Die Problematik der Soziologie stellt sich speziell im Zusammenhang mit dem Wohnen in Hochhäusern. Dieser Bautyp kann für die Durchschnittsfamilie zur sozialen Falle werden. "Im Vergleich mit niedrigen Bauten ist die Abstimmung der Bedürfnisse von Eltern und Kindern viel schwieriger." (HOHE HÄUSER)

Einen sozialen Brennpunkt stellenin diesem Zusammenhang die große Entfernung zwischen Wohnung und Spielplatz, die unübersichtlichen Freiflächen ohne soziale Kontrolle und das Gefühl der Distanz zum Alltag dar.

Als Irrtum hat sich in diesem Zusammenhang der öffentliche Wohnungsbau in Hochhäusern herausgestellt. Ein klassisches Beispiel ist der Wohnbezirk Styvesant Town am New Yorker East River. Obwohl dieses Stadtviertel über ausreichend Licht, Luft und Sonne verfügt ist es zu einem Elendsviertel verkommen.

Renate Banik-Schweitzer
Rudolf Kohoutek

"Öffentlicher Raum" in den Städten

urbane Initiativen Wien

1. Zur Aktualität des Themas

Seit Internet, "global village", die Zukunft der Arbeit oder die Fragen der "Sicherheit" die in Wien sich gerade erst etablierende Diskussion um den "öffentlichen Raum" abgelöst haben, erscheint der öffentliche Raum nunmehr wie eine konservative Utopie. Hatte schon die Moderne des Fordismus den öffentlichen Raum in einer über den Transport und das Schaufenster der Waren hinausgehenden Form nicht wirklich gebraucht, so entsteht in einer neu konzipierten "civil society" Öffentlichkeit vermutlich nicht primär im öffentlichen Raum. - Andererseits: Ist nicht auf lange Sicht der öffentliche Raum in den großen Städten das zentrale Erfahrungsfeld für eine "tolerante Differenz": das Nebeneinander von Lebensstilen, Individualitäten, Hautfarben, Altersgruppen, ja ganzer Sub-Populationen?

Tatsächlich gab es in den letzten zwei Jahrzehnten in vielen europäischen Städten - bevor das "Sparprogramm" einsetzte - einen Boom an öffentlichen Bauten und Gestaltungen des öffentlichen Raumes sowie eine Häufung von Diskursen zu diesem Thema auf unterschiedlichsten Ebenen.

Erkennbar war auch eine neue Begeisterung für den öffentlichen Freiraum in den Städten: Noch nie gab es in Wien so viele Lokale im Freien, wie in den letzten zwei Jahren. Auf eine gewisse Stagnation des "Beisel-Booms" (der Zuwachsrate an neuen Lokalen...) ist ein "Boom an Schanigärten" von der City bis nach Ottakring gefolgt.

Damit in Zusammenhang ist auch eine kontinuierliche Zunahme an Veranstaltungen und Festen auf öffentlichen Plätzen bzw. ein gewisser Formwandel des von der Stadtpolitik und lokalen Wirtschaft geförderten Spektakels im öffentlichen Raum festzustellen: Zunahme der Anzahl und Größenordnungen von Inszenierungen, Festen, Kulturevents im öffentlichen Raum, die von der Neugestaltung von Plätzen (von der Pariser Place Vendome bis zum Wiener Michaeler Platz, von der Neugestaltung der Champs Elysees bis zu den blauen Super-Leuchten der Mariahilferstraße), von Opern- und Filmvorführungen auf Plätzen, Raves in U-Bahn-Stationen bis zu immer neuen Arten von "Märkten" und gastronomischen Volksfesten reichen (Biobauern-Märkte, Sekt-Parcours, unzähligen, bei Schönwetter allabendlich gefüllten Lokalen in den Höfen des Alten AKH), Schlittschuhlaufen auf dem Wiener Rathausplatz Jänner/Februar 1996 und einer immer noch in Expansion befindlichen Copa Kagrana.

Die Motive dafür liegen in einer Unterhaltung der Bevölkerung, in der Förderung von Tourismus, "Image" und Attraktion des "Standortes", aber auch im Versuch einer "Rettung der Urbanität". Trotz oder gerade wegen dieses Aktivismus und einer "Kultur des Spektakels" ist häufig die Rede von der Gefährdung und vom Aussterben des "genuinen" öffentlichen Raumes in den Städten.

Die Kritik am Veränderungsprozeß der öffentlichen Räume bzw. an deren oft unbefriedigender Gestaltungsqualität - wie sie mit unterschiedlichen Argumenten seit den 60er Jahren vorgetragen wird - ist häufig oberflächlich ästhetisch bzw. "elitär", aber auch gesellschaftskritisch motiviert: aus dem Blickwinkel von Architekten, Künstlern oder traditionellen Eliten. Deren Basis ist häufig eine perspektivlose Kritik an "Kommerzialisierung" und "Massentourismus", bzw. am "Bürokratismus" der Stadtgestaltung. Neugestaltungen öffentlicher Räume in Wien machen - gegenüber Paris oder Barcelona - die Deutschland und in Österreich fehlende Tradition von Raumgestaltung jenseits der Trennung von Flächenwidmungs- und Bebauungsplan einerseits, Bauprojekten in der dritten Dimension andererseits deutlich: von Holleins "Riß" am Michaelerplatz bis zum Europaplatz, von den "alten Sünden" wie dem Karlsplatz oder dem Praterstern bis zur Straßenmöblierung auf der neuen Mariahilferstraße.

"Höhepunkte" im Wiener öffentlichen Raum stellen populistische Gestaltungen durch selbsternannte "Urbanisten" und "Stadtpolitiker" über die Köpfe der "Experten" und "Eliten" hinweg dar: Palmen am Wiener Graben, Hundertwassers Fernheizwerk und andere, etwa von den lokalen Geschäftsleuten forcierte "Behübschungen" des Straßenraumes. Zugleich machen Gestaltungsaufgaben im öffentlichen Raum auch die kulturelle Heterogenität der Kriterien und "Geschmäcker" wie auch die Grenzen repräsentativer wie basisdemokratischer Verfahren in Fragen der Raumpolitik und Ästhetik deutlich.

2. Die "Erotik" des öffentlichen Raumes: "Vernetzungen" / "Verkettungen" / "Szenen"

"Die Erotik der Stadt ist die Lehre, die wir aus der unendlich metaphorischen Natur des Stadtdiskurses ziehen können. Ich verwende das Wort Erotik im weitesten Sinn: Es wäre lächerlich, die Erotik einer Stadt allein mit dem Viertel gleichzusetzen, das dieser Art von Vergnügungen vorbehalten ist, denn das Konzept des Vergnügungsortes ist eine der hartnäckigsten Mystifikationen des städtischen Funktionalismus; es ist ein funktioneller Begriff und kein semantischer; ich verwende unterschiedslos Erotik oder Sozialität. Semantisch und ihrem Wesen nach ist die Stadt der Ort der Begegnung mit dem anderen, und deshalb ist das Zentrum der Treffpunkt der ganzen Stadt; das Stadtzentrum wird vor allem von der Jugend, von den Jugendlichen, geschaffen. Wenn sie ihr Bild der Stadt ausdrücken, neigen sie immer zur Einschränkung, zur Konzentrierung und Kondensierung des Zentrums; das Stadtzentrum wird als Ort des Austauschs von sozialen Aktivitäten erlebt, und ich würde fast sagen: von erotischen Aktivitäten im weiten Sinn des Begriffs. Mehr noch, das Stadtzentrum wird immer als Raum erlebt, in dem subversive Kräfte agieren und aufeinander treffen, Kräfte des Bruchs und des Spiels." (Roland Barthes, Semiologie und Stadtplanung; in: Das semiologische Abenteuer, Frankfurt 1988, S. 207):

An dieser "Einschätzung" des Zentrums und der Bedeutungen, welche die verschiedenartigen "zentralen Orte" (Plätze, U-Bahnstationen, Flohmärkte, Lokale, Discos etc.) wie das Zentrum insgesamt für die Jugendlichen haben, hat sich seit Barthes¾ Text von 1967 nicht viel geändert. Die "erotische Dimension" der Stadt wird zwar nie ein Parameter der Stadtplanung werden; in der Reflexion des "Öffentlichen Raumes", der städtischen Zentren und Events wird man aber schwerlich die Ebenen des Begehrens, der Wünsche, der "umherschweifenden Energien" und Körper ausklammern können.

Es versteht sich von selbst, daß die Attraktivität von einzelnen "Orten" in der Stadt für die Jugendlichen (heute sind das dutzende verschiedener Szenen, 1965 waren das vielleicht nur die Orte der drei großen "Klassen" Ober-, Mittel- und Unterschicht, plus einiger Sondergruppen wie den wenigen "Rockern" auf ihren Motorrädern..) nicht direkt mit den Qualitätskriterien der Stadtplaner und der "Kulturkritiker" zusammenhängen: Man könnte zynisch sagen: "Gestalterisch" wäre der Karlsplatz für die Drogenszene "gut genug". - Die Motorrad-Jugendlichen von Rom hingegen haben lange Zeit den Platz vor dem Pantheon zu ihrem Treffpunkt erkoren: "kulturell" keine schlechte Wahl! - Die Umgebung des Centre Pompidou und der Hauptausgang von Les Halles in Paris sind Orte äußerster Verdichtung von "Kontakten" und "Möglichkeiten", ebenso wie früher die Place St. Michel als privilegierter Rendez-vous-Treffpunkt. - Europaweit stellen die alten und neuen Flohmärkte eine besonders intensive Verdichtung und die soziokulturell vermutlich breiteste "Vermischung" dar.

"Libidinöse Energien" aller Art (Geld, Sex, Kontakt, Freiheit) sind aber auch bei der dritten großen Gruppe von "urbanen Akteuren" im Spiel: Neben den Jugendlichen und den Touristen die "Gründer", "Manager", "Geschäftsleuten" und "Veranstalter", die Friseure, DJ¾s etc., die nicht nur ein Geschäft oder ein Lokal in der Stadt eröffnen, "Clubbings" oder "Raves" organisieren, vielmehr parallel dazu - bzw. bereits als Vorbedingung für den Erfolg solcher Unternehmen - personale "Vernetzungen" / "Verkettungen" herstellen, eigene "Szenen" erschaffen, nicht allein als Anpassung an die sich laufend verändernden "Trends", vielmehr selbst neue Verhaltensweisen und Stile prägen.

Abgesehen von der zweifelsfreien lokalen Grundausstattung im Bereich der Nahversorgung (gibt es darüber eine Einigung angesichts des Konzentrationsprozesses in der Distribution?) besteht heute die einzige Chance eines Erfolgs von dezentralen Geschäften, Lokalen etc. in der Zugehörigkeit zu einer bestimmten "Verkettung", einer "Szene": "ganz Wien" kennt bestimmte Buchhandlungen, Bioläden, Secondhand-, Schallplatten- und Antiquitätenläden etc. Hier haben sich in den letzten zwanzig Jahren völlig neue "Achsen" und "patterns", neue "Wege und Orte" herausgebildet.

Die Zukunft der kleinteiligen (aber auch der großen!) urbanen Ökonomie liegt in der Schaffung solcher "Vernetzungen". Derartige sozialen Prozesse gehören aber auch insofern zum Kern des "Urbanen", als sie eigene Teil-Öffentlichkeiten schaffen; und sie sind Bestandteil des öffentlichen Raumes, insofern diese "Vernetzungen" sich sichtbar in Lokalen, Schaufenstern, Aufschriften, Aktionen, Plakaten, in den Programmen der Stadtzeitschriften und in Flyern manifestieren!

Das Netz dieser Lokale und Geschäfte ("Spezialitäten") für eine bestimmte Klientel - Menschen, die sich von einander angezogen fühlen - hat längst - ohne daß dies bisher genauer untersucht worden wäre - über bestimmte "Szenen" und Milieus die gesamte Stadt neu "gegliedert": nicht mehr klassisch "sozial-räumlich", vielmehr in "libidinösen Transversalen" (um zwei so schöne Begriffe zusammenzubringen).

Zu einer solchen "Theorie des öffentlichen Raumes" gehört auch der Einsatz des "Stils": Alle diejenigen, die sich außergewöhnlich anziehen, die durch Styling, Frisur, Haltungen, Gesten, Verhalten, durch singuläre "Aktionen" oder in kleinen Gruppen mit erkennbaren Stilen, aber auch einfach durch eine bestimmte "Energie" den öffentlichen Raum prägen: Sie gehören längst zu den "führenden Urbanisten", sind die "Schöpfer der Stadt" von heute!

Ihr "energetischer Beitrag" - der eher in vielen Stunden frei gewählter, aber dennoch "harter Arbeit" etwa an Frisur und Makeup, als im Einsatz von Geld für "demonstrativen Konsum" besteht - kann für die "Urbanität" einer Stadt nicht genug gewürdigt werden, nicht zuletzt auch dort, wo er als Bestandteil von "style wars" neue Akzente setzt oder den gestisch-ästhetischen Konsens stört.

In Ermangelung von neuen, aktiven stadtpolitischen und stadtkulturellen Bewegungen jenseits der etablierten, der "offiziellen" Politik (wozu heute die Grünen längst gehören) muß immer noch der öffentliche Raum als erstes "Kampffeld" für das Agieren von neuen Lebensweisen und "Stilen" gelten. Das reicht von individuellem Styling und "auffälligem Verhalten" Einzelner im öffentlichen Raum, der Benützung vor allem zentraler öffentlicher Räume als "Bühne" und Aktionsfeld (vom frühen Waluliso bis zu singulären künstlerischen Manifestionen bzw. Interventionen) bis zur Präsenz bzw. Repräsentation der jeweiligen subkulturellen Stile, "Szenen" und Aktivitäten (Punks, Skater, Drogenszene etc.), oder zu neuen Manifestationen wie den "Love-Parades". Das führt nur in "historischen Augenblicken" zu etwas wie den Aktionen der "Situationisten" oder der "Punks" der ersten Stunde (siehe das Kultbuch von Greil Marcus: Lipstick Traces, Von Dada bis Punk - kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert; im Original "A Secret History of the Twentieth Century"!)

Mit der Ausbreitung von Kultur und Kommunikation als tendenziell tragendem Element des städtischen Alltags Jugendlicher bzw. der "neuen Mittelschichten" haben sich in Wien aber auch eine Fülle neuer, halböffentlicher Orte etabliert, die weder im zentralen öffentlichen Raum der Straßen und Plätze sichtbar sind, noch mit den traditionellen Orten der Kommunikation (Kaffeehaus, Kirche, Parteilokal, Volkshochschule etc.) und der Kultur (Theater, Museum etc.) identisch sind, die man aber "einfach kennt!"...

Am "Avanciertesten" waren bisher immer noch die flexiblen, für einzelne "Events" angeeigneten bzw. umfunktionierten Räume, wobei die Originalität in der Wahl solcher "locations" Teil des Programms selbst ist: Clubbings im Gasometer oder im Technischen Museum, Raves unter der Autobahn, in U-Bahnstationen etc.

Kulturell haben sich die verschiedenen Publikumssegmente oder "Szenen" bekanntlich ziemlich stark ausdifferenziert, so daß heute weniger denn je von einer einheitlichen "Jugendkultur" gesprochen werden kann: Aber auch die Orte und Anlässe populärer Massenkultur haben sich differenziert, wenngleich nur sehr beschränkt aus dem Zentrum bzw. einigen traditionellen Zonen hinausbewegt.

Entgegen der Forcierung des Lokalen, des "Stadtviertels", "Grätzls" hat die Ausdifferenzierung der "soziokulturellen Mileus" im gesamtgesellschaftlichen Rahmen wie erst recht innerhalb der Jugend-Kulturen zu neuen Mustern der Stadtbenützung geführt, die natürlich das Gegenteil von dem mit sich bringen, was sich die Stadtplanung wünschen mag: nämlich einer gewaltigen Erhöhung der Mobilität, der innerstädtischen Verkehrsbewegungen: Kein kultureller Veranstaltungsort und kein Jugend-, Frauen- oder Kulturzentrum am Stadtrand oder im dichtbebauten Stadtgebiet kann jemals wieder auf eine stabile und ausreichende Klientel an "Anrainern" zählen, da es eben mindestens 10 unterschiedliche jugendkulturelle Richtungen (Stile, Musik etc.) und mindestens 5 ziemlich differente "Gruppen" von Frauen gibt.

Aber auch die zentralen Szene-Treffpunkte der 70er und 80er Jahre mußten - und müssen weltweit - von einem feststehenden und definierten Angebot (bestimmtes Ambiente, bestimmte Musik und ein definiertes, allenfalls durch Türsteher selektiertes - Publikum) zu einzelnen Programm-Tagen übergehen, die nur mehr entlang der Programm-Zeitschriften - im edleren und elitäreren Fall durch insider-Tips und enge Zugehörigkeit zur jeweiligen Szene - selektiv aufgesucht werden: So etwa hat das U 4 - bald Jahrzehnte eine der führenden Szene-Discos - wie die meisten anderen Clubs nunmehr sieben unterschiedliche Programme und Klientelen: Montag GOLDEN SMART (Soul etc.), Dienstag NIGHT FEVER, Mittwoch SPACE JUNGLE; Techno etc., Donnerstag HEAVEN (gay); Freitag Konzerte bzw. EVENTS; Samstag Disco für Wochenend-Jugendliche, Sonntag SPEAK EASY für die Eliten, die nicht am Montag früh arbeiten.... - D.h., daß die Lokale für sich genommen keine Attraktivität mehr haben: Entscheidend ist nicht mehr - wie früher - der Wirt oder die Erotik des Servier-Personals: Attraktiv sind die Veranstalter des jeweiligen Programm-Abends, DJ¾s bzw. Personen, die für das Programm verantwortlich zeichnen und die man eben "kennt" (wie im Fall des H.A.P.P.Y., das derzeit im WUK ein "Renner" ist, aber ebensogut in zwei Monaten ganz wo anders laufen könnte...).

3. Öffentlicher Raum im Fordismus und Postfordismus

Die vorangegangenen Fragmente und Beobachtungen zum "öffentlichen Raum" im engeren und weiteren Sinn sollten jetzt auf die gesellschaftlichen, technologischen, ökonomischen und politischen Veränderungen bezogen werden, die sich - relevant zunächst für die größeren Städte - immer mehr im Weltzusammenhang abspielen und deren Drehpunkt der neue Prozeß der flexiblen Akkumulation und der räumlich daraus folgenden Globalisierung ist.

Das meiste von dem, was sich heute in den großen Städten wie in den "führenden" Regionen abspielt, ist verständlich nur mehr vor dem Hintergrund der großen Umstrukturierungen der Weltökonomie auf der Basis der neuen Form der Arbeitsteilung und der Telekommunikations-Technologien und deren Auswirkungen auf den Raum. Die diesbezüglichen Stichworte und Theorie-Hintergründe sind: endgültiger Übergang vom Fordismus zum Postfordismus, Herausbildung der "Global Cities", der neuen Dienstleistungen, Flexibilisierung und neue Raumaneignung, sowie eine neue und vertiefte Spaltung der Gesellschaft in die "global workers" und eine neu gemischte "Unterklasse", bzw. in die immer neuen Ausprägungen von "Zentrum" und "Peripherie".

Als wir vor wenigen Jahren Saskia Sassens "Bestseller" lasen, dachten wir in gewisser Weise, daß die darin beschriebenen Kriterien für sog. "Global Cities" im strengen Sinn - in für uns exotischer Weise - ohnedies nur auf London, New York und Tokio zuträfen. Literatur und empirische Forschung dazu gab es nur wenig. Mit unterschiedlichen Argumenten und aus unterschiedlichen "Interessen" war der Theorieansatz der "Global Cities" lange Zeit kontrovers. Inzwischen haben wir gelernt, zwischen den "global cities" im engeren Sinn (den wenigen, allergrößten Finanz- und Dienstleistungszentren, die die Welt beherrschen und entgegen allen Dezentralisierungs-Hypothesen sich immer weiter "zentralisiert" haben) und den weltweiten Prozessen in der Ökonomie zu unterscheiden, die als generalisierte Auswirkungen des globalen Wandels von Ökonomie, Technologie und Raum-Politik immer stärker auch jedes Dorf, jede kleinere Stadt, jede Region - und damit unvermeidlich auch Wien - (be-) treffen.

Doch weil in Wien seit Jahren keine nennenswerte (empirische) Wirtschafts- und Sozialforschung mehr betrieben wird, können die Zeichen des Wandels nicht verstanden werden und - was noch schlimmer ist - hält man die gegenwärtige, doch schon unübersehbare Krise für eine bekannten Typs und versucht sie mit den bewährten politischen Mitteln des Fordismus zu meistern.

Doch die auf den "männlichen Arbeiter" zugeschnittene Industriearbeit verschwindet schneller aus den Zentren der "frühindustrialisierten" Staaten, als man sie - zu schlechteren Bedingungen für den Einzelnen - umverteilen kann. Bei sinkenden Masseneinkommen und steigender Arbeitslosigkeit zerbricht aber das fordistische Alleinverdiener-Nurhausfrauen-Familienmodell, und das darauf aufbauende soziale Sicherheitssystem steht zur Disposition. Angesichts der Tatsache, daß in Wien bereits vier Fünftel der Frauen berufstätig sind, die Kernfamilie mit der Nur-Hausfrau eher die Ausnahme als die Regel darstellt und etwa 40 % der Wiener Haushalte Single-Haushalte sind, wird man nicht nur den Sozialstaat umbauen sondern auch räumliche Konsequenzen aus dieser Situation ziehen müssen. Dies auch dann, wenn es gelingt, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wie es aussieht, liegen die Chancen dafür vor allem darin, neue Arbeit zu "erfinden" und/oder bisher unbezahlte Arbeit zu vergesellschaften. Doch scheint es, daß diese Arbeitsplätze nicht in korporatistischen Strukturen entstehen werden wie im Fordismus, sondern die weitere Individualisierung der Gesellschaft voraussetzen und daher auch fordistische Raumstrukturen obsolet werden lassen.

Ein Teil der Stadtbewohner, die "global workers", sind direkt in den Weltmarkt integriert. Sie verfügen über eine lingua franca - Englisch - und haben einen eigenen Lebensstil, d.h. sie verlangen von ihren Aufenthaltsorten ein international definiertes Kultur-, Bildungs- und Konsumangebot, das seinerseits nach spezifischen Räumen verlangt. Die postfordistische urbane Großregion wird "zum überdimensionierten Supermarkt für Privilegierte, mit seinen gläsernden Zitadellen der Weltökonomie, seinen Wohninseln, seinen Erlebnisparks, durchzogen von Räumen der Deprivation." (Hansruedi Hitz, Christian Schmid, Richard Wolff: Boom, Konflikt und Krise - Zürichs Entwicklung zur Weltmetropole. In: Capitales Fatales, Urbanisierung und Politik in den Finanzmetropolen, 1995, S 277)

Die neuen Raumnetze der Privilegierten liegen über und quer zu den alten funktional segregierten fordistischen Raumstrukturen und zerreißen deren großräumigen Zusammenhang. Allerdings ist dieser wegen zunehmender In-Validität des fordistischen Modells ohnedies obsolet geworden. - Punktuell restituieren solche neuen postfordistischen "Kerne" durchaus eine gewisse "Urbanität"...

Die Verheißung des fordistisch-keynesianistischen Modells einer kulturellen Modernisierung (Bildung, Emanzipation, soziale Demokratie) für die ganze Gesellschaft war erkauft um den Preis von Rationalisierung und Funktionalisierung, die die Zerschlagung einer lebendigen Alltagswelt zur Voraussetzung hatte.

Mit ihrer großräumigen funktionellen Segregation hatte die fordistische Stadt gar kein Bedürfnis nach öffentlichem Raum: die soziale Integration in städtischen Räumen funktionierte vor allem deshalb, weil tendenziell alle Stadtbewohner innerhalb eines sozialräumlichen Zusammenhangs ähnlich lebten. Das änderte sich mit dem Übergang zum Postfordismus radikal. Die sich wieder vertiefenden sozialen Gegensätze führen real zu der beschriebenen sozial differenzierten Raumnutzung: Das fordistische Modernisierungsprojekt muß aufgegeben werden.

In den 1980er Jahren versucht man noch in den Global Cities und den fortgeschrittenen World-Cities (v.a. Frankfurt), die neue Fragmentierung der Gesellschaft durch den Diskurs der "Urbanität" zu überdecken. Die sozialen Differenzen werden in kulturelle Gegensätze, in quasi-natürliche unterschiedliche Lebensstile umgedeutet, die sich über kulturelle Inszenierungen und Spektakel im öffentlichen Raum sozial integrieren lassen.

Wien, das nicht in die Liga der World Cities gehört, pflegt in dieser Zeit den - auch anderswo - unternommenen Versuch der Re-Etablierung von alltäglichen kleinräumlichen Lebenszusammenhängen gegen die Entfremdung des Fordismus und dessen funktioneller Segregation: durch sanfte Stadterneuerung, Betonung der Zusammengehörigkeit im Grätzl, Verkehrsberuhigung etc., d.h. die Wiederherstellung der Welt vor dem Sündenfall der Moderne (das imaginierte vormoderne Idyll).

Kulturelle Events, Spektakel, die "Festivalisierung" der Kommunalpoitik (Hartmut Häussermann) als Mittel der sozialen Harmonisierung kommen in Wien sehr spät in einer Zeit, als es in den World Cities nicht mehr funktioniert (das Museumsquartier im großen Zuschnitt scheitert zu einer Zeit, als andere Städte ihre Museumsinseln bzw. -ufer bzw. ihre Grands Projets schon realisiert haben bzw. funktionieren die Kommerzialisierung der Copa Cagrana oder der Eislaufplatz vor dem Wiener Rathaus in den 90er Jahren auf eine alltagsnähere Weise, dafür auch mit geringer internationaler Wirkung - verglichen etwa mit der Christo-Aktion 1995 in Berlin).

Was mögliche Veränderungen des urbanen "öffentlichen Raumes" betrifft, gehören der ganze Diskurs der "neuen Urbanität" und die in einigen Metropolen und zentralen Städten (Paris, Frankfurt, Barcelona, etc.) aufwendig geplanten und ausgeführten Kulturbauten und Raumgestaltungen ohnedies eher der Vergangenheit der 80er Jahre an, bei uns des Einbruchs des Postfordismus auf halbem Weg.

Für die 90er Jahre und darüberhinaus ist völlig offen, wie die Mischung aus "Sparpaket", Zuspitzung der sozialen Frage (Umverteilung), neuer absehbarer bzw. möglicher ökonomischer, sozialer ebenso wie kultureller und politischer Segmentierungen und Polarisierungen der städtischen Gesellschaften, sowie der innerhalb weniger Jahre vollzogene Einbruch der Digitalisierung und Telekommunikation auf vielen Ebenen (Internet u.a.) die öffentlichen Räume der Städte tangieren wird? Was bleibt vom öffentlichen Raum, wenn sich die öffentliche Hand und die Öffentlichkeiten zurückziehen? Oder werden - als positiver Gegeneffekt - auch kleinere "Maßnahmen im öffentlichen Raum" wieder öffentlicher diskutiert werden?

Oder wird künftig - nach einer jüngsten Begriffsprägung - der öffentliche Raum nicht vor allem der Ort der "digitalen Obdachlosigkeit" sein: Treffpunkt aller jener, die sich keinen PC, kein Modem, keine mittlere bis hohe Telefonrechnung für ihren Internet-Anschluß leisten können oder denen er - aus unterschiedlichen Gründen - verweigert werden soll ("Anschluß gesperrt"), während die Mehrheiten am "Screen" potentiell immer "öffentlicher", d.h. durchgängiger kontrollierbar und "ortbar" werden (wie Sanford Kwinter auf drastische aber nicht unplausible Art zu extrapolieren vermag; siehe Newsletter 7, Seite 67). - Und wird ein allfälliges "Ausgangsverbot" in der "digitalen Stadt" dereinst nicht einfach im zeitweiligen Abschalten aller Server bestehen ...?

4. Wie könnte demnach eine künftige "Politik des öffentlichen Raumes" ausschauen?

Welches Potential hat somit der öffentliche Raum kulturell, politisch, "erotisch" für den Einzelnen bzw. für neue demokratiepolitische Strategien und kulturelle Kampfformen? - Aber auch: Welche Kriterien für die Gestaltung - das heißt auch: für die lokal- bzw. "innenpolitische" Erstellung der Regeln der Benützung, der Ausschließung, der Strategien der Mobilisierung, der Animation, der "Betreuung" und "Kontrolle" - der öffentlichen Räume ergeben sich aus den absehbaren ökonomischen und technologischen Rahmenbedingungen?

"Angesichts der politischen, sozialen und kulturellen Zersplitterung der Alltagswelt und der totalen Kommerzialisierung des urbanen Raumes, bei der selbst das >Städtische< noch zur Ware wird, stehen die alten Forderungen unter anderen Vorzeichen erneut auf der Tagesordnung: Das >Recht auf Stadt<, die unmittelbare Aneignung der Lebenswelt, die Schaffung von lebbaren Produktions- und Reproduktionszusammenhängen für alle. Die Realpolitik der lokalen Kompromisse hat ausgedient: Es kann nicht mehr länger darum gehen, die >Stadt< als privilegierten Raum in willkürlichen territorialen Grenzen zu rekonstruieren oder sich in der Eroberung, Erhaltung und Ausstaffierung von isolierten urbanen Archipelen zu verlieren. Es gilt, die >Stadt< neu zu denken und gleichzeitig die demokratische Kontrolle über den Urbanisierungsprozeß zurückzugewinnen: Gesucht ist nichts weniger als ein neues Modell der Urbanisierung." (Hitz, Schmid, Wolff, a.a.O., 277 f.)

"Bestand der Anspruch des Projekts >postmoderne Kulturgesellschaft< darin, gesellschaftliche Probleme kulturell zu bearbeiten und hierüber die verschiedenen sozialen Gruppen der (deutschen, ...) Mehrheitsbevölkerung integrieren zu können, so brechen nun - im Zuge der ökonomischen Krise und des politischen Umbruchs - die ideologischen Gegensätze von >Kultur< und >Sozialem<, von >Ökonomie< und >Ökologie< in aller Schärfe wieder auf. Das kulturalistische Konzept der zentrumsorientierten Lokalpolitik, das auf städtebauliche Attraktionen und identitätsstiftende Spektakel setzt, bleibt zwar weiterhin ein wichtiges Instrument postmoderner Managementpolitik, es büßt jedoch angesichts leerer Kassen, einer veränderten Dynamik der Stadtentwicklung und der wachsenden sozialen Polarisierung zusehends seine strategische Bedeutung ein. Im Gegensatz zu den achtziger Jahren können nun die unterschiedlichen Interessenlagen und Konsumtionsmuster des traditionellen Kleinbürgertums, der Arbeitermilieus und der neuen DienstleisterInnen nicht mehr über ein aufwendiges Kulturalisierungsprogramm integriert werden." (Klaus Ronneberger, Roger Keil: Außer Atem - Frankfurt nach der Postmoderne, Capitales Fatales, a.a.O. S. 339)

Die Frage ist offen, ob es quer zu diesen Prozessen der "Erosion" gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für die Städte auch Ansätze zu einer "naiveren" und "positiven" Politik des öffentlichen Raumes gibt, wie sie im Anschluß an Raumgestaltungen etwa von Richard Rogers und anderen diskutiert werden können?

5. Der öffentliche Raum als "Ort des Konsenses" oder der "toleranten Differenz": Gibt es einen "Mittelweg" zwischen der Ästhetisierung des öffentlichen Raumes und der Politisierung der Öffentlichkeit?

Marteen Hajer - Assistent von Ulrich Beck in München und damit erste Adresse für Fragen der Risikogesellschaft und der "reflexiven Modernisierung" - stellt die Frage, wie wir in der aktuellen Krise des Urbanismus weiterkommen: Wie könnte in der "ökologischen Herausforderung, welche die Stadt angreift, ohne - auch in ihren Lösungsperspektiven - den soziokulturellen Raum der Stadt neu definieren zu können", bzw. wie könnte "in einer Zeit des >Neo-Tribalismus< (Michael Walzer) und Hyperkapitalismus" eine neuartige "soziale Integration bzw. sozialer Zusammenhang" geschaffen werden." (Maarten Hajer, siehe Seite 55)

Hajer handelt diese Frage kurz entlang der Beiträge des Architekten Richard Rogers zur Neugestaltung von öffentlichen Räumen ab: "Rogers¾ Vision läßt sich vielleicht mit einem Satz zusammenfassen: Umweltverträglichkeit sollte Leitvorstellung des Urbanismus sein, Urbanismus als Leitvorstellung für die soziale Integration begriffen werden." (a.a.O.)

"Dier Herausforderung für die Architektur besteht darin, solche kollektiven Räume zu entwerfen, um ein Gefühl der Kollektivität mitzuteilen, sie zu einem integralen Element der positiven städtischen Erfahrung zu machen." (a.a.O.)

Die - für einen Architekten vielleicht notwendige? - Naivität von Rogers (Hajer?) besteht also darin, an eine städtische "Kollektivität" trotz aller neuen sozioökonomischen und kulturellen Segmentierungen und Polarisierungen glauben zu wollen, und damit überhaupt erst eine "Repräsentation", eine Darstellung und Anschaulichkeit dieser "städtischen Gemeinschaften" (die aber ebenso die Weltgemeinde der Touristen oder die globale "Fan-Gemeinde guter Architektur", die "Freunde der grands projets" oder der "kleinen Juwele" einschließen könnte) weiterhin für möglich zu halten.

Hajer korrigiert Rogers, wenn er schreibt: "Auch wenn man also die allgemeine Orientierung teilt, wie sie von Rogers in den Reith-Lectures vorgetragen wird, so bedarf es doch eines anderen Weges zu jener Art sozialer Integration und Zusammenhalts, die Rogers zu Recht am Herzen liegt. (...) Danach hinge Integration und Zusammenhalt im städtischen Bereich im wesentlichen von der Gemeinsamkeit im sozialen Raum ab, ließe aber offen, ob dies nun öffentlicher Raum im physikalischen Sinne wäre oder nicht."

"Die Herausforderung scheint darin zu bestehen, eine Reihe von Orten des Konsenses (consensual loci) zu konzeptualisieren und zu identifizieren." (a.a.O.)

Als erstes fallen einem dazu - auf physikalisch-räumlicher Ebene - natürlich jene berühmten Raumgestaltungen der letzten Jahrzehnte ein, wie sie exemplarisch gerade Richard Rogers mit dem Vorplatz des Centre Pompidou gelungen sind, die natürlich immer auch zu zentralen Orten des Städtetourismus geworden sind.

Zur unvermeidlichen touristischen Dimension solcher Räume merkt Hajer allerdings kritisch an: "Daraus ergibt sich eine starke Bedrohung für die Art des Funktionierens öffentlicher Räume, die Rogers im Auge hat. Der Tourist bedroht die Moral (Zygmunt Baumann): "Er kommt heute und geht morgen; er ist entschlossen, sich zu amüsieren, und konzentriert sich daher auf das Vergnügen. Aber öffentliche Räume im reflexiven Sinne haben natürlich nicht allein mit Vergnügen und Schönheit zu tun." (a.a.O.)

"In einem Zeitalter, in dem Touristen die Stadtzentren beherrschen und deren potentielle "Bürger" in anderen städtischen Bereichen leben, sollte man sich überlegen, ob solche Orte des Konsenses nicht fundamental anders gedacht werden müssen, um einen effektiven Beitrag zur sozialen Integration leisten zu können."

"Ein Ort des Konsenses manifestiert sich in einer Reihe von gemeinsamen Regeln und Praktiken und wird daher primär im kollektiven Bewußtsein konstruiert. Die Zukunft der Stadt im Zusammenhang mit Orten des Konsenses zu denken hebt die Idee des Bürgerseins in den Mittelpunkt. Danach wäre soziale Integration und Zusammenhalt nur dann zu erreichen, wenn wir nicht nur die physikalischen Orte anbieten, sondern auch das Bewußtsein vom den Regeln und Praktiken berücksichtigen, die solche Orte beherrschen sollen."

Natürlich ist in der Vorstellung eines für alle Bürger zugänglichen und benützbaren "öffentlichen Raums" nicht nur Naivität, sondern auch eine gehörige Portion Ideologie enthalten: Sie unterschlägt die unterschiedlichen Zugangsbedingungen der Individuen, Klassen, Schichten, Geschlechter, Altersgruppen ebenso wie der Behinderten, der "Ausländer", der Minderheiten etc. zum öffentlichen Raum: verfügbares Geld für Konsum, physische Mobilität, "freie Zeit", Umfang und Art des jeweiligen "kulturellen Kapitals", Entfernung des Wohn- und Arbeitsplatzes von diesen zentralen Stadträumen usw.

Die Formel von den "Orten des Konsenses" unterschlägt aber ebenso die heute bei uns noch nicht so spürbaren, in Los Angeles und anderen urbanen Territorien, aber auch in den Fußgänger-Kaufzonen der "guten Standorte" (Frankfurt, Zürich etc.) zumindest angestrebten offenen und verdeckten Formen der Kontrollen über den öffentlichen Raum: durch aktive Ausschließung des "Störenden": Bettler, Jugendliche, Ausländer, Straßenmusiker usw., was ja schließlich auch immer mehr dazu führt, bestimmte "öffentliche Räume" ins Innere der Gebäude zu verlegen: Höfe, "Atrien", "Galerien", aber auch Shopping Cities, die ja halböffentliche wenn nicht gar "private" Räume darstellen, in denen Wachdienste und Sicherheitskontrollen den unerwünschten Klassen von Individuen rechtlich und praktisch sehr einfach den Zugang verwehren können.

Das soll aber keinesfalls bedeuten, daß die Utopie eines öffentlichen Raumes als Ort der Toleranz und der Differenz (vielleicht mehr noch, denn als "Ort des Konsenses") aufgegeben werden sollte.

Stadtpolitisch liegt eine vergleichbare Hoffnung den Modellen der "Stadtforen", "Plattformen" oder anderer urbaner Initiativen zugrunde, welche vom Ansatz her Planung im wesentlichen als "Kommunikation und Konsens" begreifen.

Natürlich bleibt für die Zukunft die Frage offen, wie im Gesamtergebnis der Wandlungsprozesse sozialstruktureller, ökonomischer und nicht zuletzt medientechnischer Art die Chancen für den öffentlichen Raum der Straßen und Plätze und deren Bedeutung für Kommunikation, Information - gegebenenfalls auch für Widerstand - aussehen werden. Grafitti, Wandzeitungen oder kleinere Versammlungen auf Straßen und Plätzen, oder die Nutzung von Erdgeschoßräumen für Jugendliche, für Ateliers, Initiativen, nicht-kommerzielle Treffpunkte usw. sind weniger erwünscht.

Der öffentliche Raum als"Bürgerforum" ist gewiß eine historisierende, für die Gegenwart reichlich naive Lesart: Die relevanten "Foren" befinden sich heute in den seltensten Fällen auf der Straße, d.h., daß andere Medien die Rolle von der Öffentlichkeit(en) für die Gesellschaft übernommen haben. Nur mehr als "Ausnahme-zustand" hat der öffentliche Raum eine aktive Relevanz: im Mai 68, in dramatischen Manifestationen auf den Straßen der westlichen Großstädte, den Kämpfen oder Terroranschlägen in New York, London, Paris, Los Angeles, in den französischen Streiks der letzten Monate, in Kriegsereignissen im öffentlichen Raum von Städten wie Sarajewo etc. - Der Rest ist allenfalls alltäglicher Kleinkrieg, dessen Fluchtpunkt im Augenblick wohl am deutlichsten Los Angeles darstellt (siehe den folgenden Beitrag aus Mike Davis¾ Buch "City of Quartz").

Wenn es eine Tatsache ist, daß politische Manifestationen im öffentlichen Raum bei uns relativ selten geworden sind bzw. äußerst partiell bleiben, sollten die Tendenzen der neuen Benützung der Straßen und Plätze als Orte der Zirkulation, des privaten Konsums, des "Kriegs der Stile" und der Moden (siehe Punkt 2), nicht primär unter eine moralisierende - ebenso falsche und perspektivenlose - Kritik der "Kommerzialisierung" und "Festivalisierung" der (Innen-) Städte gestellt werden:

Die im Sommer allnächtlich prall gefüllten Innenhöfe des alten AKH, der Wiener Rathausplatz von Mai bis September, die "Love Parades" in Berlin oder - etwas kleiner - auf der Wiener Ringstraße, vielleicht sogar die Verhüllungen des Reichstages durch Christo 1995 mit hunderttausenden "Besuchern'", die Scharen von Jugendlichen vor dem Chelsea oder Flex, in der Arena, aber ebenso die "Massen" an der Neuen Donau etc. sind vielleicht doch mehr als bloß "Freizeitkonsum" und obrigkeitsstaatlich verordnete "Spiele": Im besten Fall das Aufblitzen einer Utopie eines friedlichen und dabei dennoch massiv "differenten" Stadtlebens. Dessen Zukunft scheint nunmehr aber eher in der Lösung der Frage der "Arbeit" und der sozialen Polarisierung als in der architektonischen Gestaltung von Plätzen zu liegen. Dennoch sollte es solche aus einem neuen Problemverständnis heraus gestalteten Orte weiterhin geben.

Die Frage ist, ob zumindest der unbehinderte und ungefährdete Zugang zum öffentlichen Raum "für alle" erhalten bleibt bzw. ausgebaut werden kann, und ob - auf den verschiedenen notwendigen und möglichen Ebenen - städtische Öffentlichkeiten sich ausweiten und neu konstituieren können, wozu u.E. nach wie vor die Einrichtung eines relevanten "Stadtforums" gehört, welches auf oberster Ebene und mit der entsprechenden medialen Beteiligung, die Ressortgrenzen überschreitend, die wesentlichen Entwicklungslinien und Problemfelder der Stadt / der Region überhaupt thematisiert, und zwar nicht im Hick-Hack der Beschönigungs- bzw. Verelendungs-Formeln (wie das parteipolitisch getriebene Spiel zwischen "Regierung" und "Opposition" läuft), sondern zunächst in fachlich fundierten Analysen, Zahlen und der Diskussion alternativer Optionen und Lösungsmodelle. (dazu: Andreas Fiedler/Holger Kuhle, Journal Stadtforum Berlin Nr. 21, Okt. 1995 Vom Stadtforum zum Forum der Stadt; siehe Seite 75)

Für all das hat auf sehr abstrakter Ebene Walter Prigge eine schöne Formel geprägt, wenn er schreibt: "Die politische Modernität von Stadtpolitik entscheidet sich heute daran, ob es gelingt, die sozialräumlichen Gegensätze nicht >von oben< zu vereinheitlichen, sondern sie durch geregelte Verfahren der Aushandlung zu veröffentlichen. Diese Gegensätze müssen also in der städtischen Öffentlichkeit artikuliert und diskutiert werden." (Walter Prigge in einem Interview; in: Texte zur Kunst Nr. 16, Köln, November 1994, S. 71)

Quellen:

Literatur

  • Einführung Städtebau - Arbeitsmaterialien
    Städtebauliches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1994
  • Martin Wentz: Die Kompakte Stadt
    campus Verlag, FFM 2000
  • Ramesh Kumar Biswas: Metropolis Now!
    Springer Verlag, Wien 2000

Quellen und weiterführende Links im Netz: