Nadelstiche ...

Überlegungen im Rahmen des Seminars "Platz da!"

von Vito Dell’Aquila, Volker Müller, Frank Znottka (Aachen)

...in die Funktionsnormalität des öffentlichen Raumes

Stadtnutzer nehmen die Räume und Orte ihrer Stadt oft erst durch Veränderungen wahr: ein Baum wird gefällt, ein neues Haus gebaut, eine Straße verkehrsberuhigt. Die wenigsten Veränderungen werden unabhängig von staatlichen Institutionen von Bürgern selbstständig durchgeführt. Wir haben unsere direkte Zuständigkeit irgendwann aufgegeben und benutzen den öffentlichen Raum gemäß vieler unausgesprochener Regeln, die wir kaum in Frage stellen, auch wenn sie uns manchmal stören. Es stellt sich die Frage: Gehört unser öffentlicher Raum uns — oder eher den Stadtwerken und der Polizei? In der Gesellschaft besteht scheinbar ein Konsens über die Nutzung des öffentlichen Raums, seine Rolle im Leben, seine Besitzer. Ihn gilt es sichtbar zu machen, zu definieren, um bewusst im öffentlichen Raum gestaltend einwirken zu können.

Wir wollen versuchsweise dem Funktionieren des öffentlichen Raums kleine Nadelstiche versetzen, indem wir ein allen vertrautes Instrument der Stadtraum-Regulierung — das rot-weiße Absperrband — schrittweise funktionsentfremden und uns aneignen. Wie werden Passanten darauf reagieren? Werden sie stehen bleiben, uns zur Einhaltung der ungeschriebenen Regeln anhalten oder sich neugierig ihrerseits unsere Installation aneignen?

 

1. Trennendes Band längs über den Katschhof - Aachens "guter Stube"

Das Hindernis wurde akzeptiert und je nach individueller Beweglichkeit und Einstellung umgangen oder unter-/überquert; auch Angestellte der Stadtwerke und Autofahrer respektierten das Band.

Eine Gruppe Schüler auf dem Weg zum "Dies academicus" nutzte unser Band als Spielfeldbegrenzung für ein Fußballspiel und die Klappstühle als Torpfosten.

Ein im Rathaus Arbeitender, den wir also nur optisch gestört haben konnten, rief den Ordnungsdienst der Stadt an, um überprüfen zu lassen, ob wir für diese Absperrung denn eine Sondergenehmigung besäßen; wir wurden zunächst förmlich aufgefordert, die Absperrung abzubauen; als wir freundlich reagierten und Folge leisteten, entspann sich ein angeregtes Gespräch.

2. Spuren-Band auf den Quellenhof des Kaiserbad-Neubauensembles

Die funktionslos auf den Bürgersteig ragenden Absperrungen veranlassten keinen einzigen Passanten (Ausnahme: eine kleine Gruppe Architekturstudenten!), dem Hindernis auf den Grund zu gehen. Von der Mehrheit wurden sie nicht einmal wahrgenommen. Auch aus den umliegenden Gebäuden mit Büros oder Cafés kam keine Reaktion.

Die Annahme, ein einfaches Absperrband könne als Attraktor für Passanten wirken, hat sich als unzutreffend erwiesen. Hierfür bedarf es viel stärker lenkender Eingriffe und Hinweise.

3. "Unser Stück Innenstadt"

Auch bei reger Frequentierung des Ortes gab es nur eine Person, die sich tatsächlich skeptisch in den abgesperrten Raum begab, um nach möglichen Gründen zu suchen. Viele Passanten blickten verärgert bis verständnislos auf die Absperrung. Niemand sah sich jedoch veranlasst, uns beim Aufbauen anzusprechen.

Nach einiger Zeit nahmen wir Modifikationen der Versuchsanordnung vor, um Reaktionen und Kontaktaufnahme zu vereinfachen. Daraufhin sprachen uns ein Mädchen von etwa 10—12 Jahren sowie eine Frau um die 35 an, die (positiv neugierig) direkt nach dem Sinn fragten.

Als wir dem Mädchen gegenüber das Betreten des Raumes als Reaktionsziel des Experimentes erwähnten, kündigte ein zuhörender Obdachloser an, dann könne er ja seinen Schlafsack holen und sich dazulegen. Zwei Polizeistreifenwagen fuhren ohne Reaktion vorbei.

Ein Bedeutungsinhalt scheint Menschen mehr zur Auseinandersetzung zu reizen als behindernde Bedeutungslosigkeit. Wir hätten mit einer plakativen Aussage vermutlich mehr Reaktion erzielen können. Der Ärgernischarakter war für die Polizei ganz offensichtlich nicht gegeben.

4: Diagonalband in der Fußgängerzone — Adalbertstraße

Obwohl etwa 90% der Straßenbreite plötzlich und aus nicht einsehbaren Gründen nicht mehr zur Verfügung standen, umgingen fast alle Passanten das Hindernis, nur wenige bückten sich darunter hindurch; bei Beginn des Nieselregens wurde das Störpotential feststellbar größer.

Zwei Männer von ca. 50 bis 60 Jahren blieben neben uns stehen und betrachteten ebenfalls, mit unbeteiligter Miene, das Verhalten der Mitbürger.

Eine Ladenangestellte/besitzerin schaute mehrere Minuten auf die Absperrung, so dass wir sie ansprachen, ob sie sie stören würde. Sie war aber einzig an dem überhängenden Stück Band interessiert und schnitt es sich nach unserer Erlaubnis für ihren Umzug zufrieden ab und ging wieder zurück ins Geschäft.

Nach 20 min. ging ein Mann von etwa 30 Jahren zügigen Schrittes von der Seite auf die Bandmitte zu, griff es ohne weitere Blicke in die Runde und versuchte es zu zerreißen; dabei fiel eine Stange um, und er ging ohne erkennbare Geste an die Umgebenden weiter.

Das rot-weiße Absperrband funktioniert als Träger staatlicher Autorität, und zwar einer willig akzeptierten. Anders läßt sich nicht erklären, daß zivil gekleidete Studenten ein solches Hindernis ohne Störung aufbauen dürfen und fast kein Passant es in Frage stellt. Allerdings gibt es vereinzelt auch den kritischen Bürger, der ein sinnlos erscheinendes Hindernis selbstbewußt wegräumt.

Zusammenfassendes Fazit:

Die Aktionen mit rot-weißem Absperrband zeigen nur teilweise repräsentative Ergebnisse, da das Band selbst Autoritätsträger ist und dadurch einerseits das Störpotential der Eingriffe, andererseits die Lenkungs- und Attraktionsabsicht wahrscheinlich deutlich reduziert wurde.

Abgesehen von methodischen Verbesserungsanregungen erlauben die Experimente nach Meinung der Verfasser doch tendenzielle Aussagen über die Benutzung des öffentlichen Raums, speziell die Neigung von Passanten, sich in sie mittelbar betreffende Aktionen einzumischen. Diese ist außerhalb des vermutlich Wohnumfeldes häufig sehr gering. Ältere Mitbürger zeigen deutlich öfter kritisches Interesse, wohingegen bei jungen Menschen die Hemmschwelle für die Kontaktaufnahme niedriger zu liegen scheint.

Quellen:

Literatur

  • Einführung Städtebau - Arbeitsmaterialien
    Städtebauliches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1994
  • Martin Wentz: Die Kompakte Stadt
    campus Verlag, FFM 2000
  • Ramesh Kumar Biswas: Metropolis Now!
    Springer Verlag, Wien 2000

Quellen und weiterführende Links im Netz: